Napule

Tschonnie-Tschenett ist ein magnetischer Held, der die Verbrechen quasi beim Umherstreifen anzieht. Er löst also nicht Fälle auf sondern Anfälle aus. In seinem fünften "Anfall" kommt Tschonnie-Tschenett nach Napule, wie Neapel von den Einheimischen genannt wird. Er trifft ein paar Kollegen aus früheren Fällen, eigentlich gibt es nichts zu tun, als einen Polizeikongreß abzuwickeln und den Schiffen zuzusehen.

Aber dann kommt doch die Kriminalität an Land.

Merkwürdige Rituale beunruhigen die Beamten, Hühnerfüsse werden ausgelegt, eine eindeutige visuelle Formulierung, daß jemand die Füße unter den Arm nehmen und verschwinden soll.

Natürlich schimmert auch das Machwerk der Mafia durch die Ermittlungen und Tagesabläufe. Einmal wird die Passagierzelle eines Autos mit Pferdemist gefüllt, nein das ist noch nicht die Mafia, aber bald darauf, als ein Matrose vom Schiff Odessa mit einer Schlinge um den Hals aufgefunden wird ist klar, der Strick war zu kurz für eine Selbstaufknüpfung, das war irgendwo die Mafia.

Schon nach wenigen Seiten ist man als Leser mittendrin in diesem Sprachlichen Konglomerat von Andeutungen, Poesie und Abkürzungen. Die entscheidenden Sätze werden immer auf Italienisch durchgegeben, aber später im Kontext irgendwie übersetzt. Das ist ein ganz wesentliches Erzählmerkmal Kurt Lanthalers, daß er zuerst den Originalsound vorstellt, und diesen später für jene Leser, die nicht italienisch können, dann doch noch auflöst.

Und wenn alle Aufklärung umsonst ist, muß das Glossar herhalten. Zu diesem Zweck wird der Text an einer x-beliebigen Stelle wie im Internet mit dem Glossar vernetzt, mit einem Mausklick des Auges ist man in der Unterwelt der Hyperlinks und erfährt zeitgeschichtliche Zusammenhänge, Formulierungen, die hinter dem inneren Monolog des Helden angesiedelt sind und jeden seriösen Germanisten wahnsinnig machen, und immer wieder Kochrezepte, Erklärungen zum Kaffeesieden und Espresso pressen.

Tschonnie-Tschenett-Romane erfordern eine eigene Technik des Lesens, jene des ironischen Überspringens. Da gibt es beispielsweise eine ziemlich lange griechische Inschrift zu entziffern, man kann sich darauf einlassen oder sich einfach abwenden, wie es Tschonnie-Tschenett tut. So sieht man auch Neapel letztlich mit den Augen des lasziven Helden und wundert sich plötzlich, wie angenehm und entspannt plötzlich die Welt ist. Entspannung durch Spannung, heißt das Rezept.

Kurt Lanthaler: Napule. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman.

Innsbruck Haymon 2002. 221 Seiten. 17,90.

ISBN 3-85218-401-0

Kurt Lanthaler, geb. 1960 in Bozen, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 20/09/02