Ungeschichten

Der ungewöhnliche Titel "Ungeschichten" ist tatsächlich ein sehr genauer Begriff für jene sechs Texte, in denen eben eine echte Geschichte unmöglich wird, oder anders ausgedrückt etwas Ungeschichtliches geschieht.

Das psychische Material lagert sich in den Ungeschichten an einer Frau ab, sie kann weder reagieren noch akzeptieren, sie wird von den Begebenheiten quasi angespült und abgebraust.

Bereits in der Eröffnungsungeschichte strömt eine wahre Flut von läppischen Nebensächlichkeiten auf die Frau ein, die mit lärmenden Kindern unterwegs ist, die sich im "Noise des Nosesns" ergehen. Nach diesem Text versteht man, warum junge Mütter manchmal wahnsinnig werden und ihre Kinder auf offener Lebensbühne ertränken.

Männer, die mehr oder weniger unverhohlen ein sexuelles Attentat vorbereiten, Amtsgebäude, die in perverser Weise Fangarme für Irritationen ausbreiten, und immer wieder Kinder, die unruhig sind, auf den Vater warten und an Darmkatarrh leiden, in diesem Ambiente versucht die Heldin zwar eine Art Krisenmanagement mit sich und den einstürmenden Impressionen, aber es läuft alles in Zielrichtung Depression hinaus.

Oft bedarf es nur eines kleinen Schwenks der allgemeinen Aufmerksamkeit, und die selbstverständlichsten Zusammenhänge arten in Bedrohung aus, Flirts werden zum Schußwechsel der Blicke, ein Gesprächsansatz wird mit dem Granatwerfer der Überrumpelung angetragen, die Relationen geraten vollends aus den Fugen.

Die Texte sind akustisch dicht und minimalistisch eng gearbeitet, geht s doch darum, dem Knackpunkt von Ereignislosigkeit wirklich jeden Ausweg zu versperren. Die illuminierten Begebenheiten sind tatsächlich zeitlos, beängstigend, ein bösartiger Knoten im Erzählgeflecht. Wenn Geschichten in Ungeschichten umkippen, reißt es auch den Leser für kurze Zeit in jenes Loch, in das die Heldin vor den Augen des Leser soeben gestürzt ist. Eine beängstigende aber höchst bemerkenswerte Ansammlung von Ungeschichten hat Hilde Langthaler hier zusammengetragen.

Hilde Langthaler: Ungeschichten.

Wien, München: Ohrbuch Verlag 2002. 57 Seiten. 11,-.

ISBN 3-901317-19-8

Hilde Langthaler, geb. in Graz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 20/07/02