TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 641

Aufgeklappt

Aufgeklappt ist ein sehr anregender Titel, vielleicht ist der Lesesessel aufgeklappt, auf jeden Fall aber das Buch, und was wir sehen und lesen, könnte man in der modernen Sprache "work in progress" nennen.

Ludwig Laher, der in seinen bisherigen Romanen immer wieder die Kunst der Biographie mit neuen Elementen angereichert hat, schreibt mit "Aufgeklappt" fürs erste eine Biographie über den 1804 im salzburgischen Werfen geborenen Schriftsteller Ferdinand Sauter, der 1854 in Wien an der Cholera starb.

Ausgangspunkt ist die lapidarer-schöne Grabinschrift, die Ferdinand Sauter selbst komponiert hat: "Und der Mensch im Leichentuch / Bleibt ein zugeklapptes Buch".

Dieses Buch klappt Ludwig Laher kunstvoll auf, in 44 Kapiteln und gleich zwei Epilogen gibt es als Gerüst den Lebenslauf zu lesen, wie man ihn in Konversationslexika vorfinden könnte. Um diese fein aufgeschnittene Vita herum sind Szenen in atmosphärisch einwandfreier Nuancierung eingebaut, wie sie teils im Werk Sauters, teils von Zeitgenossen überliefert sind. So nennt man etwa den Ferdinand im Café sehr witzig-salopp "Servas, Dinand!"

Und die dritte Komponente neben Biographie und Atmosphäre ist die Gegenwart des Nachfahren. Immer wieder setzt sich ein kommentierendes, staunendes und rettendes Ich in Bewegung, um aus dem Stoff der Verlorenheit eine Biographie für Leser der Gegenwart zu rekonstruieren.

Allmählich tut sich die Welt Sauters auf, Metternichs Staubmantel legt sich deutlich über den Dichter, der als Papierverkäufer in Wien sich schlecht und recht durchbringt. Zeitgenossen schätzen ihn, aber er verschenkt ständig seine Gedichte nach dem klugen und anti-germanistischen Konzept, wonach sich eine gute Literatur selbst auflösen muß, damit sie nicht in die Hände der Forscher und Archivare fällt.

Ludwig Laher gelingt etwas Sonderbares: indem er von der Auflösung der Literatur berichtet, schafft er sie neu und aktuell. Seine Biographie ist also nicht nur eine Lebensbeschreibung sondern nahezu eine Inkarnation des Beschriebenen. Berührend ist letztlich die Erkenntnis, daß Literatur eine Community schafft, die über alle Epochen und Regime hinausragt.

Ludwig Laher: Aufgeklappt. Roman.

Innsbruck: Haymon 2003. 160 Seiten. 15,90.

ISBN 3-85218-417-7

Ludwig Laher, geb. 1955 in Linz, lebt in St. Pantaleon.

Helmuth Schönauer 22/02/03