GEGENWARTSLITERATUR 1223

Wirtschaft

Wirtschaft. Worauf es wirklich ankommt.

Wie jedes große Fach, benötigt auch die Wirtschaft neben den Theoretikern und Anwendern so etwas wie Didaktiker, die das undurchschaubare Mysterium halbwegs begreifbar machen können. Frank Lehmann ist Fernsehjournalist und erklärt in der Tagesschau beinahe Tag für Tag die komplexen Zusammenhänge der Wirtschaft, in seinem Wirtschafts-Handbuch wendet er sich an Leser, die mit offenen Augen die wirtschaftlichen Zusammenhänge abscannen wollen.

Die erste These lautet: Nicht Politik ist unser Schicksal, sondern die Wirtschaft. In einem Abriß werden die wichtigsten Wirtschaftsformen dargestellt, dabei springen dem Leser die Schaukästen ins Auge, in denen elementare Begriffe wie Manchester-Liberalismus, Merkantilismus oder Kleptokratie erklärt werden.

Die zweite These des geduldig und profund recherchierenden Journalisten lautet: Wirtschaftskunde ist mehr als ein Pausensnack. In diesem Kapitel wundert sich der Autor über die sogenannten Gurus, die einen Sack voll Binsenweisheiten über dem Publikum ausschütten und dabei ordentlich abcashen. Wie Bücher über die "Mäusestrategie" oder die "Powergesetze" beeindrucken können, bleibt ein Rätsel.

Frank Lehmann setzt diesen Snack-Gurus die Nobelpreisträger für Wirtschaft entgegen. Natürlich werden Nobelpreisträger immer auch nach politischen Kriterien ausgelobt, aber gerade im Wirtschaftsbereich werden immer innovative Forscher ausgezeichnet, so daß eine Tabelle mit den Preisträgern eine ideale Informationsquelle für die Innovationen der Wirtschaftstheorie darstellt.

Überhaupt hält es der Autor mit den Schaukästen: Kühl zählt er etwa auf, was der Staat nimmt und was er gibt. Seltsamerweise ist die Liste mit den genommenen Dingen dreimal so groß wie die der gespendeten. Mit so einer Gegenüberstellung wird jeder Kommentar beinahe überflüssig.

Der Giga-Kapitalismus mit seinen Auswüchsen, Fusionen, die scheitern, Eingriffe des Staates und seine Auswirkungen sind weitere Themen. Und natürlich kommt auch das Phänomen zur Sprache, wonach die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Statistisch gesehen. Denn sarkastisch faßt Frank Lehmann das Phänomen der Zufriedenheit zusammen mit der Bemerkung, daß es einem Menschen, dem es subjektiv besser geht als je zuvor, egal ist, ober theoretisch ärmer wird oder nicht.

Ein detailiertes Register sowie ein zur weiteren Lektüre einladendes Literaturverzeichnis vervollständigen diese Wirtschaftsfibel, die durchaus das Zeug hat, zu einem unverzichtbare Standardwerk für die nächsten Jahre zu werden.

Frank Lehmann: Wirtschaft. Worauf es wirklich ankommt.

Hamburg: Hoffmann und Campe Verl. 2002. 294 Seiten. 21,50.

ISBN 3-455-09372-8

Frank Lehmann, geb. 1942, moderiert Börseberichte in der Tagesschau.

Helmuth Schönauer 04/12/02