GEGENWARTSLITERATUR 1212

Amerika

Der Titel des Romans ist verblüffend hartnäckig. Bereits Franz Kafkas Roman "Der Verschollene" hat man eine Zeit lang einfach Amerika genannt, weil da alles im Titel mitschwingt, was in einem Amerikaroman so mitschwingen soll. Größe, Schicksal, Verlorenheit.

Martin Kubaczek schickt seinen Protagonisten Theo ins unbegreiflich unmusikalisch organisierte Amerika, dabei ist Theo Musiker und folgt seiner Geliebten Lynn, die schon vor geraumer Zeit aus Europa nach Amerika zurückgekehrt ist.

In der Folge erleben wir eine Crussade durch die Gewässer eines Musikers, der den Sinn des Lebens in einer nicht musikalischen Welt über die Runden bringen möchte.

Das Verhältnis zu Lynn kühlt merklich ab, entweder stimmt was mit den Hormonen nicht, oder eine Begegnung mit hohen Sexanteilen geht mit der Zeit einfach immer diesen Weg der Auskühlung.

Andererseits erinnert er sich ständig an Europa, an die österreichischen Kleinodien, die am besten durch Radfahren zu erobern sind. Die keine, mit dem Rad abgestrampelte Welt Österreichs steht im großen Konkurrenzkampf zu den Landschaftsgefühlen der Canons und Outfields Amerikas.

Und auf einer dritten Ebene wird Sport wie Musik abgehandelt und Musik wie Sport. Nicht nur die körperliche Anspannung eines Musikers erinnert an Sport, auch das ständige Wettmusizieren, die Tourneen und Abwicklungen von Festivals lassen sich mit den Aufwendungen eines Tennisspielers oder Schwimmers vergleichen.

Martin Kubaczeks Figuren führen oft lange Dialoge ab, die Argumente verkrusten zu Stehsätzen, und es ist egal, wer welchen Teil des Dialoges führt. Über weite Strecken ereignet sich Gesprächsessay im Musilschen Sinne, die Seele eines verletzten Liebhabers und eine gesprungene Cellosaite werden mit dem gleichen Selbstkommentar bedacht.

Und allmählich schält sich unter den Fruchtschalen von Landschaft und Psyche auch der harte politische Kern Amerikas heraus. Es ist durchaus überlegenswert, Amerika als einen militärisch organisierten Staat mit demokratischem Design zu begreifen.

Amerika ist ein fast kontinentaler Roman, voll von Aufklärung, Recherche und Musikalität.

Martin Kubaczek: Amerika. Roman.

Wien, Bozen: Folio Verl. 2002. 223 Seiten. 19,50.

ISBN 3-8555256-222-8

Martin Kubaczek, geb. 1954 in Wien, ist Violinist und Germanist.

Helmuth Schönauer 21/11/02