GEGENWARTSLITERATUR 1210

Friederikenbriefe

Kann jemand, der sich durch Poesie der Welt entzieht, auf dieser Welt noch erreicht werden? Dieser Frage geht Erika Kronabitter mit ihrem feinnervigen Versuch nach, die einzigartige Poetin Friederike Mayröcker mit irdischen Mitteln zu "erwischen". Schon im Untertitel ist klar gelegt, daß hier eine konkrete Person im Mittelpunkt steht, allerdings geht es auch um so merkwürdige Dinge wie Erwachen, Biographie und Aufklärung durch Poesie.

Erika Kronabitters Erzählhaltung ist einfühlsam und voller Hochachtung, aber sie kippt niemals in ein Abhängigkeitsverhältnis, wie es etwa oft Epigoninnen der Ingeborg Bachmann zelebrieren.

Der eine Faden zieht sich als Lebensfaden der Friederike Mayröcker durch den Text. Hier werden biographische Stationen, die Übersiedlung in die Stadt, die Träume an die Kindheit, das Erwachen und Entwickeln eines individuellen Schreibstils ausgebreitet. Und der andere Faden, quasi im rechten Winkel einer Textur angelegt, dröselt die Stationen der Autorin als Leserin und Bewunderin auf.

So entstehen Parallelen zwischen Autorin und Leserin, und in diesem Diskussionsfeld haben Leseüberlegungen, Skizzen zu einem bedächtigen Leben, Entwicklungsschübe einer idealen oder idealisierten Biographie Platz. Gerade die Suche nach einer Lebensform, die bis in die letzten Ritzen jeder nur erdenklichen Model hineinfließt, läßt eine immerwährende Neugierde entstehen, die allemal in Optimismus mündet.

Vom Zerreißen eines Blattes und dem Zusammenfließen einer neuen Identität ist die Rede, von den Zwischenräumen, die einem Text erst das Aufatmen ermöglichen, von den möglichen Reaktionen eines Publikums. Nicht die Publikumsbeschimpfung ist heute noch ein Ereignis, sondern man müßte eine Publikumsbeschmutzung machen, das könnte vielleicht etwas zum Transfer von Lyrik beitragen in einer Zeit, in der das Unverschämte selbstverständlich geworden ist.

Schlüsselbegriffe der Mayröcker werden zu kleinen Ausmalungen in neuem Kontext ausgewuchtet, ob Vögel träumen können, heißt es einmal, und dann kommt auch der Kontext selbst zu einer Abhandlung leicht ironischer Art.

Und irgendwann ist dann eine ganz seltsame, in dieser Form rare Biographie entstanden, es ist auch ein Roman oder eine poetische Vorlesung der luftigen Art, so genau läßt sich das nicht sagen.

Erika Kronabitter ist eine ansprechende Textur gelungen, mit der einer einzigartigen Person auf ermunternde Weise Recht geschieht, und als Leser ist man gespalten, zum wem man sich nun mehr hinneigen soll, zur Autorin, oder zur Autorin der Autorin.

Erika Kronabitter: Friederikenbriefe. Friederike Mayröcker gewidmet. Mit einem Vorwort von Klaus Kastberger.

Wien: Milena 2002. 88 Seiten. 14,90.

ISBN 3-85286-106-3

Erika Kronabitter, geb. 1959 in Hartberg, lebt in Vorarlberg.

Helmuth Schönauer 26/11/02