Pyrgi

Pyrgi ist eine griechische Insel knapp vor dem türkischen Festland, je nach Stimmung in der NATO fliegen die Jets mehr oder weniger militärisch über die Idylle. Auf der touristisch gesehen ziemlich abgelegenen Insel hat das Land Vorarlberg für die Künstler eine Stützpunkt angemietet, quasi um der NATO paroli zu bieten und der Kunst zum Durchbruch zu verhelfen. Damit die selbstverlorenen, etwa zwei Monate dauernden Aufenthalte der Dichter nicht verloren gehen, hat Erika Kronabitter eine Anthologie mit Texten und Interviews aus der freiwilligen Einsiedelei zusammengestellt. Die Bilanz der einzelnen Einsamkeitsprotagonisten schwankt von kühler Resignation (Wolfgang Mörth)über sarkastischer Fügung in das Los des Schicksals (Kurt Bracharz) bis zum monomanen Aufkritzeln von Alltagsbegebenheiten (Ulrich Gabriel). Ohne die passende Sprache sind alle Schriftsteller an der Grenze, denn die Einheimischen können nur die eigene Sprache, und die Poeten müssen sich mit einem Pidgin-Griechisch mehr oder weniger vokabellos durchschlagen. Die Reaktionen auf diese soziale Verstümmelung sind ähnlich wie die Texte, die dabei anfallen süffig, introvertiert, lyrisch explosiv, theatralisch oder hyper-ironisch. Alle Texte sind in einer freiwillig brutalen Art als Überlebenstexte angelegt. So gesehen gleicht Pyrgi einem gelungenen Versuch, in extremen Situationen extreme Texte zu verfassen. Obwohl in den Interviews manchmal beklagt wird, daß die finanzielle Begleitmusik nicht gerade üppig ist und daß es nicht jedermanns Sache ist, aus dem Leben auszusteigen für ein paar Wochen frigider Konsumenthaltsamkeit, kann man das Experiment der Vorarlberger und Tiroler (zwei Autorinnen stammen aus Tirol) Kulturabteilungen, Dichtern eine Extremsituation ins Haus zu stellen, als gelungen bezeichnen. Die Anthologie ist voll von intensiven Texten, die eine alte Schriftstellerweisheit bestätigen: Wer in der Ereignislosigkeit zu schreiben vermag, vermag es im Tumult des Konsums erst recht.

Erika Kronabitter (Hg.): Pyrgi. Anthologie. Wolfgang Mörth, Monica Wittib, Irmgard Hierdeis, Wolfgang Hermann, Tom Feldkirchner, Ulrich Gabriel, Christine Hartmann, Kurt Bracharz, Erika Kronabitter, Wolfgang Bleier, Stephan Alfare. Wien: selene 2001. 297 Seiten. 298,- ATS. 21,70. ISBN 3-85266-162-5

Erika Kronabitter, geb. 1959, lebt in Feldkirch.

Helmuth Schönauer 03/10/01