GEGENWARTSLITERATUR 1196

Eine Familie verschwindet

Ein Kind hat immer recht, denn es erschließt sich die Welt nicht durch Logik sondern durch Wachsen. Wo die Erwachsenenwelt erschöpft ist in Sinn und Sprache, hat die anwachsende Welt vielleicht noch eine Chance.

In Michael Kimballs Roman geht es um nicht mehr und nicht weniger als um den Sinn des Aufderweltseins und das Sterben. Eine Familie löst sich in jeder Hinsicht auf. Vater und Mutter fahren über Land und verkaufen bei jedem Stopp ein paar Habseligkeiten, sie fahren ständig am Limit ihrer Resourcen. Hinten sitzen ihre Kinder, Bub und Mädchen, die sich die Welt spielerisch erklären und Konstruktion und Dekonstruktion in einem einzigen Denkschritt durchführen. Sie nennen es natürlich nicht so, weil sie auch nicht denken sondern spielen.

Und ganz hinten im Kofferraum liegt das tote Baby, der Bruder der erzählenden Kinder. Halb ist er Spielzeug, halb der Joker für unerklärliche Spielzüge.

Draußen läuft ununterbrochen Amerika ab, es sind kleine Orte, die voller Hektik angefahren werden, eigentlich nur Tankstellen mit einem schnellen Happen als Imbiß und einem Einstückflohmarkt. Sobald etwas versetzt ist, geht es weiter, immer im Landesinneren der Ödnis-Linie entlang.

Wie in amputierten Schulaufsätzen erklären die Kids, wie man Kinder macht, die Welt aushält, Kleider gegen die Hitze trägt und schließlich ein Begräbnis macht.

Amerika erweist sich als ein Land, in dem man schnell mit dem Lötkolben einen Konsumpunkt setzen muß und dann verschwinden. Die Familie ist zwar ideal als Sprachgebäude, hat aber nur einen Sinn, sich wie das Weltall auszudehnen und darin mit einem Knall zu verschwinden. Und Sprache und Spiel sind eins. Mit einer Grammatik zwischen Urs Allemanns Babyficker und Gertrud Steins The Making of Americans werden hier Menschen und Zustände im Sinne einer patriotischen Schöpfungsgeschichte erschaffen und in die Luft gesprengt.

Und trotz des schweren Themas und des ungewöhnlichen Spielansatzes ist der Roman lustig und spannend und überhaupt nicht babyhaft.

Michael Kimball: Eine Familie verschwindet. Roman. A.d.Amerikan. von Brigitte Heinrich.

Frankfurt/M: Suhrkamp 2002. 147 Seiten. 20,50.

ISBN 3-518-41365-1

Michael Kimball, geb. 1967 in Michigan, lebt in Texas.

Helmuth Schönauer 06/10/02