Einladung zum Tanz

Margaret Hamilton fährt mit dem Zug von Glasgow nach London, sie ist müde vom Leben und hellwach für die Zukunft. In diesem kreativen Dämmerzustand, wo das oberirdische Ich mit dem Unterbewußsein in Kommunikation tritt, ergibt sich ein guter Roman scheinbar wie von selbst, denn das Leben ist unter anderem ein Roman. Margaret denkt in der Hauptsache über sich nach, aber das ist Stoff genug. Colin, ihr Verlobter hat durchgedreht und liegt apathisch in einer Klinik und wird mit Mozart-Symphonien am Leben erhalten. Es war eine schöne Zeit, sinnlich, die Wollust kam in schönen Stößen und die Ehe war noch zu weit weg, als daß sie die Beziehung hätte zerstören können. Im Abteil sitzt ein Junge, der sich mit Schneller Post verständigt, er gliedert die Gedanken und verhindert, daß Margaret wegschläft vor der eigenen Erinnerung. Als er an einer Sation aussteigt, kommt die schlimmste Zeit aus der Erinnerung hoch. Der ehemalige Arbeitgeber in einem Glasgower Gemeinschaftszentrum hat sich an Margaret herangemacht. Bei einem Tanzfest hat sich seine Frau niedergesoffen und ist anschließend an ihrem eigenen Kummer und Erbrochenem gestorben. Jetzt soll Margaret über dieses Unglück darüberhelfen, ein bißchen Sex würde jedem alten Mann helfen. Es kommt zumEklat, Margaret sagt an der richtigen Stelle nein und wird gekündigt. A.L. Kennedy erzählt sehr distanziert aus der Innensicht der Heldin. Obwohl die Dinge brennen und nah sind, werden sie in einer sehr ironischen Distanz erst richtig deutlich. Die Heldin erlebt beispilesweise den eigenen Sex so, als ob sie während dessen neben ihrem Körper hockte, das macht die Sache fröhlich und beeindruckt durch diesen raffinierten Erzählwinkel. Überhaupt sind es oft die gewöhnlichsten Dinge, die völlig cool erzählt werden. Wenn etwa einer der Jugendlichen, die wegen Dienstahls-Verdachts auf die Polizei warten sollen, durch die Glasscheibe des Cafes ins Freie spaziert, als wäre alles nur ein Film. - Einladung zum Tanz ist ein wunderbares Stück Eigen-Melancholie ohne Selbstmitleid.

A. L. Kennedy: Einladung zum Tanz. Roman. [Looking for the Possible Dance]. A. d. Engl. von Ingrid von Rosenberg und Gerd Stratmann. Göttingen: Steidl 2001. 311 Seiten. 268,- ATS. 19,50. ISBN 3-88243-771-5

A. L. Kennedy, geb. 1965 in Dundee, lebt in Schottland.

Helmuth Schönauer 15/08/01