Das unsichtbare Kind

Der Tiroler Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Konstantin Kaiser ist in der tiefsten Provinz in Innsbruck aufgewachsen und erforscht jetzt seit Jahrzehnten in der Großstadt Wien die meist verschollene Literatur der Exilschriftsteller. Seine Essays beschäftigen sich daher immer wieder mit dem Un-Wesen der Provinz. Seine wichtigste These lautet, daß die Provinz zur Entsubstanzialisierung neigt. Damit ist gemeint, daß ab einer gewissen Entfernung zu intellektuellen Zentren die Lebensweise zu einem Wischiwaschi verkommt, in dem alle Argumente mit einem War-immer-So beiseite gewischt werden. Die aktuelle Aufsatzsammlung hat der Autor bewußt in die vier Abschnitte von imaginären Jahreszeiten gegliedert, vor allem auch deshalb, weil diese Ordnung gerne in Lesebüchern als die göttliche verkauft und gelehrt wird. In den Gedächtnis-Jahreszeiten Konstantin Kaisers geht es um Auswüchse in der Provinz (Erstarrung und Verwandlung), um das allmähliche Verschwinden von ehemals aktuellen Lebensphilosophien (Langsamer Frühling zwischen Gitterstäben), um den verschämten Umgang mit Exilliteraturen (Das unsichtbare Kind) und um einige aufrechte Köpfe der Literatur (Kühler Kopf und warme Füße). Die Aufsätze sind zwischen 1980 und 2000 entstanden, haben aber durch die gegenwärtige Regierung, die sich selbst mit einem exclusiven Provinz-Programm huldigt, eine unerwartete Neuauflage der Aktualität erfahren. Der Titel der Sammlung geht auf das Wesensmerkmal der Exilliteratur ein, nämlich ihre Autoren unsichtbar werden zu lassen. Diese im Märchen sinnvolle Eigenschaft ist in der Literatur natürlich oft geradezu das letzte Todesurteil. Wenn schon die Literatur von sichtbaren Erwachsenen so wenig ausrichtet in der zeitgenössischen Politik, was bleibt dann dem unsichtbaren Kind für eine Aufgabe? Konstantin Kaisers Aufsätze sind melancholische Häkchen, die aus dem Kopfkissen heraus stechen, wenn man sich zu salopp dagegen preßt.

Konstantin Kaiser: Das unsichtbare Kind. Essays und Kritiken. Wien: Sonderzahl 2001. 201 Seiten. 248,- ATS. 18,00. ISBN 3-85449-185-9

Konstantin Kaiser, geb. 1947 in Innsbruck, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 26/10/01