GEGENWARTSLITERATUR 1201

Umarmungen im Windkanal

Schon der Titel des Buches ist sensationell witzig, denkt man doch unwillkürlich an windschlüpfrige Sportler oder Sportgeräte, die im Trockentraining an ihrem sogenannten CW-Wert herumarbeiten und dies für den Intelligenzquotienten halten. (Nicht umsonst heißt CW von hinten WC!)

Günther Kaip schickt Texte und Figuren in den Windkanal, seine Zeichnungen sind mit einer etwas vom Winde verwehten Maus digital auf ein imaginäres Storybord eingetragen. Vögel, Köpfe, Figuren frisch von der Motorhaube, skurrile Stellungen des Mondes sind nur einige winderprobte Protagonisten des feinen Strichs, hinzu gesellen sich auch Gedanken, Bewegungen, Atmosphären und jede Menge Gefühle.

Um diese Zeichen und Zeichnungen herum sind die Texte drapiert. Als fügsame Gedankenmasse können sie um die Zeichnungen herumgespachtelt sein, selbstfrech einen Hauch eines Sonettes andeuten oder zu einer sarkastischen Bildunterschrift verklumpen.

Das Text-Bild-Unternehmen ist in zwölf Kapitel unterteilt, zu jedem Abschnitt gibt es einen kompakten Text im Sinne einer poetischen Gebrauchsanweisung.

Überschriften wie Noch immer auf der Flucht, Blackout, Drehpunkt, Simulation, Flugversuch, Dreharbeiten, die andere Perspektive vermitteln recht genau die Eckdaten jenes Schaltplans, mit dem Text und Bild, These und poetische Anwendung gesteuert werden.

"Die Außenwelt ist der Traum des Traumhügels" (52), heißt es einmal im Ton einer meta-biederen, lakonischen Kommentierung. In diese geographisch-irrealen Verstrickung sind sogleich mannigfaltige Erfahrungsebenen installiert.

Der Autor erweitert in ironischer Form die Bedeutungsfelder. Sterne werden wie Kerne ausgespzukt, das Bellen nimmt überraschend die Gestalt einer Kraurollade an, ein Windsegel mutiert spontan zu einem Entschluß. Selbst zu Ritualen erstarrte Ikonen kriegen eine ungewöhnlich religiöse Korrektur verßpaßt, wenn etwa eine Kreuzigung nicht in der geplanten Geschwindigkeit hinzukriegen ist.

Die "Umarmungen im Windkanal" sprechen alle Lese-Sinne in fröhlicher Weise an, für überraschende Wortwendungen und Gelenksverdrehungen der Figuren ist stets gesorgt.

Günther Kaip: Umarmungen im Windkanal.

Klagenfurt/Wien: Ritter 2002. 118 Seiten. 17,70.

ISBN 3-85415-326-0

Günther Kaip, geb. 1960 in Linz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 26/11/02