GEGENWARTSLITERATUR 1210

Worttheater

Die Auslobung der Texte sind ein wesentliches Element der Kunstdarbietung Gerhard Jaschkes. Nicht nur, daß er ganze Regale voller sogenannter experimenteller Literatur auswendig vortragen kann, legendär ist auch sein schnellster Bücherkoffer des Kontinents, der in kürzester Zeit zu einem Verkausfsstand ausgeklappt werden kann. Und die Bücher selbst sind dann voller bibliophiler Überraschungskomponenten, einmal wird ein Buch aufgeschnitten für eine Laptopgalerie, dann werden wieder Makulaturtexte aufwendig aufgebunden zu Ledernen Monumenten.

Die Sammlung "Worttheater" hat der Verlag mit Bleisatz setzen lassen, der Umschlag ist vornehm grau verfilzt gehalten und der Korpus des Buches als Spiralblock ausgeführt, wobei die Handbewegung, mit der die einzelnen Anagramme umgeschlagen werden, jener entspricht, mit der in Filmen Kommissare immer frisch verfertigte Notizen wegblättern und so den Fall entscheidend weiter bringen.

Für Anagrammeinsteiger gibt es eine korrekte Leseanleitung. "Anagramme sind Worte oder Wortgruppen, die durch Umstellen der Buchstaben eines gegebenen Leitwortes entstanden sind. Jede Zeile ist also buchstabenidentisch zur anderen."

Worttheater - hatt er worte!

dichterarten - niedertracht

wahrheiten - weihet harn!

in der folge -finderloge

rosinen - so rinne

stubenrein - eine brunst

wiesenspiel - weiselpenis

abschied - base dich

Gerhard Jaschkes Anagramme sind durchaus theatralisch aufgebaut, die Spannung erhöht sich in Fünfsatz-Schritten, bis sie dann oft die anfangs romantischen Begriffe am hinteren Ende der ursprünglichen Bedeutung ausgeschieden werden mit ziemlich konträrer Semantik.

Im Worttheater entwickelt sich eine andere Realität, und wie beim echten Theater darf alles geschehen, bloß eines nicht, daß der sogenannte Realismus auf die Bühne kommt.

Selbstverständlich inszeniert der Autor seine Anagramme mit Hingabe und verweist immer auf die sogenannte Tagesverfassung, mit der die einzelnen Sequenzen realisiert werden müssen. So wird jede Performance zu einem tagesspezifischen Ereignis, und die Anagramme dienen dabei als theatralische Notizen, die mit großem Gestus zu einem Hörerlebnis aufgeweitet werden.

Gerhard Jaschke: Worttheater. Anagramme.

Alpnach: Martin Wallimann Verl. 2002. 46 Seiten. 14,-.

ISBN 3-908713-27-7

Gerhard Jaschke, geb. 1949, lebt in Wien. Herausgeber der Zeitschrift FREIBORD.

Helmuth Schönauer 12/11/02