TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 623

Andreas Hofer 1809

Andreas Hofer ist so etwas wie das Geodreieck der Tiroler Identität. Mit dem einen Schenkel wird der Mythos 1809 gemessen, mit dem anderen die aktuelle Heimatbefindlichkeit und an der Hypotenuse ergibt sich dann der geradlinige Zustand des aktuellen Tirolertums.

Bernhard Sandbichlers Lesebuch ist pünktlich zum Andreas-Hofer-Film "Die Freiheit des Adlers" herausgekommen und bringt wohl dosiert die wichtigsten Hofer-Texte von Heinrich Heine, Peter Rosegger und Adolf Pichler. Aus der jüngeren Vergangenheit kommen Texte von Georg Paulmichl, Barbara Hundegger oder Norbert C. Kaser zum Abdruck.

Zu diesen literarischen Zeugnissen gibt es einige kultur- und literaturkritische Texte von Johann Holzner, der den Hofer-Mythos am Beispiel Franz Kranewitters untersucht, oder von Claus Gatterer, der ein Minimalset der Heimatkunde vorstellt.

Das meiste ist genau so vorhanden, wie man es gelernt hat, denn der Hoferkult entwickelt sich ständig zum Positiven, weil er fit und flott immer rechtzeitig für Anlaßfälle reaktiviert wird.

So tut es beim Lesen gut, mit Honigaugen die Hymne "Zu Mantua in Banden" in vollem Wortlaut in allen sechs Strophen geistig abzusingen, Julius Mosen, der Texter dieser wasserwarmen Worte, ist eine typische Aussteigerfrage bei Quizsendungen.

Ja was tut eigentlich Werner Pircher in diesem Lesebuch, außer, daß er irgendwie von Tirol singt? So gesehen ist alles, was von Tirolern produziert wird, eine Andreashoferei.

Die bewußt schräg und crossover getimeten Texte der Karikaturisten BAES, der religiöse Über-Hofer bei Helmut Schinagl oder der wirr-lustige Ansatz von Winfried Werner Linde fehlen, weil sie den Zug zum Hofer-Revival offensichtlich verpaßt haben.

Das ist der Mangel dieses Lesebuchs, es sagt alles so brav und zum x-ten Mal, daß man sich fragt, warum man es nicht schon früher gewußt hat. Oder haben wir es eh alle gewußt, und warum müssen wir es dann noch lesen?

Ach ja, es ist einfach eine feine Pille für den Hofer-Trip, den sich Erstklassler und Ersttouristen soft einwerfen können. "das gras ist grün" (123), dichtet H.C.Artmann in einem Gedicht, das aus unerfindlichen Gründen auch im Lesebuch ist. Wahrscheinlich werden die Abdruckrechte günstig hergegangen sein, wie bei allen anderen Texten auch.

Bernhard Sandbichler (Hg.): Andreas Hofer 1809. Eine Geschichte von Treue und Verrat. Ein Lesebuch.

Innsbruck: Tyrolia 2002. 168 Seiten. 17,90.

ISBN 3-7022-2488-2

Bernhard Sandbichler, geb. 1965, lebt in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 17/11/02