TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 618

Hungrige Tage

Wenn eine Autorin über ihre eigene Generation schreibt, ist das in mehrfacher Hinsicht interessant. Einmal, weil es immer noch selten ist, denn üblicherweise unternimmt die Autorenschaft des gegenwärtigen Literaturbetriebes alles, um den eigenen Themen auszukommen. Zum anderen, weil es eine interessante Aufgabe ist, zu dokumentieren wie Zeitzeugen auf dem Weg in den melancholisch gestimmten Lebensabend ihre eigene Jugend einschätzen, und drittens, weil die Literatur ja dort unschlagbar gut ist, wo das persönliche Schicksal mit einer allgemeinen Lage verquickt wird, etwas, was die Geschichtsschreibung nur schwer hin bekommt.

Hungrige Tage sind ein guter Titel für das, was die sogenannte 68er Generation in der entlegenen Provinz zwischen Kufstein und Innsbruck in die Realität gelegt und für die Verwirklichung von Träumen gehalten hat. Hungrige Tage beginnen immer mit einem Komplex, wo kriege ich Nahrung her für meine Träume? Und das große Zittern ist jeden Tag angebracht, weil ja nie klar ist, was am Kontinent geschieht. So ist es kein Wunder, daß irgendwann eine große Freßsucht entsteht und das Leben nur mehr Sinn macht, wenn man es täglich abspeckt.

Im Mittelpunkt des Romans steht Molly, die gerade ihre Freßsucht mit einer einfühlsamen Therapie bekämpft. Seitenweise gibt es makabere Freß-Zettel der anderen Art, auf denen jeweils Gemütslage, Körperhaltung beim Essen und Speisenfolge notiert sind. Diese kleinen Freßaufzeichnungen sind Kochbücher der ekligen Art, zumeist handelt es sich um Instant-Food und Instant-Frust.

Allmählich kommt der Kern des großkalibrigen Molly-Leibes zum Vorschein, ein Unding aus Kindheit, Provinz und Zeitgeschichte. Und das Schlimme am Programm ist, daß eine Erlösung gar nicht vorgesehen ist.

Mit den großen zeitgeschichtlichen Wörtern "Vergangenheitsbewältigung", "Die Wende" und "Wiedervereinigung" läßt sich auch das Schicksal Mollys beschreiben. Alles, was der Kontinent in den letzten dreißig Jahren durchgemacht hat, haben auch seine Bewohner als kollektive Individuen durchgemacht.

Die einzelnen Versatzstücke gehen immer an die Grenze zum Kitsch und zur Peinlichkeit. Studentenrituale, Liebschaften, sexuellen Notstandsumklammerungen haben immer auch etwas Kafkaesk-Lächerliches an sich, aber genau darum geht es ja, wenn man den stuffen Zeitgeist und seine darin werkelnde Generation verstehen will.

Die Autorin hat einen tollen Analyse-Versuch hingelegt, die trostlosen Bausteine von Lebensfreßsucht und Lebensgier auf maßvolle Art zu dekonstruieren. Und die Hauptthese ist nicht gerade erfreulich: - während die Beatniks vermutlich an ihrer Lebenswut ersoffen sind, sind die alpinen Sputniks an ihrer Freßsucht zerbrochen. Und hinter diesen großen Thesen steckt immer das konkrete Molly-Schicksal, dem man als Leser mit Erbarmen und Grauen und ziemlich ratlos gegenübertritt.

Lina Hofstädter: Hungrige Tage. Roman.

Wien: Milena Verlag 2002. 380 Seiten. 18,90.

ISBN 3-85286-105-5

Lina Hofstädter, geb. 1954 in Lustenau, lebt in Sistrans bei Innsbruck.

Helmuth Schönauer 12/10/02