Im Machtgehege V

Das Machtgehege Michael Guttenbrunners hat verschiedene Zugänge, die sich in Themenfindung und zeitlichem Portal unterscheiden, aber jeder Zugang führt letztlich in eine Vorhalle dessen, was das undurchdringbare Machtgehege ausmacht. Im fünften Band der sprachmächtigen Prosa über Zeit, Geschichte und die Verstrickungen des Idividuums darin gibt es gleich zu Beginn eine Beschreibung Treibach-Althofens. Dabei dient die Folie der generellen Beschreibung von Siedlungs- und Kulturgeschichte dazu, das allmähliche Besiedeln des eigenen Kopfes mit Gedanken zu beschreiben. Markterhebung, Bauformen und Verkehrsanbindung sind parallel zu lesen mit der Biographie eines Kindes, das in den Jahreskreis der religiösen Rituale und der privaten Wohnsituation eingeführt wird. Auf die Geschichte der frühen Kindheit folgt ein Kapitel über Klagenfurt, die Idee dieser Geschichtsdarstellung hat etwas zu tun mit jenen Schlachtbeschreibungen, mit denen oftmals der Verlauf der großen Geschichte beschrieben werden soll. Das zweite Kapitel widmet sich dem geistigen Untergrund beim Verfassen von Gemälden. Farbenlehre, die Ideenwelt Cornelius Kolnigs oder die suggestive Kraft eines Schutthaufens sind Verankerungspunkte für eine individuelle Kunst. Kapitel III ist eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Biographien, die auf recht seltsame Art in das Leben des Autors eingedriftet sind. Ludwig von Ficker kommentiert beispielsweise eingereichte Gedichte mit Randbemerkungen, eine davon lautet süffisant "großbeterisch", was beim Gedichte-Vorleger Beschämung und Betroffenheit auslöst. Das vierte und letzte Kapitel versammelt gedankliche Ausflüge in die Antike, sei es, daß literarische Notate analysiert werden, sei es, daß Wallfahrtsstätten von Antike-Forschern aufgesucht werden. Beeindruckend ist jeweils der straffe Zug der Gedanken. Selbst die verschlungensten Annäherungen entwickeln bald einen Sog hin zur Erkenntnis, daß nur stetes Beobachten und vollkommene Wachheit den Lebensanwender davor schützen können, im Machtgehege verloren zu gehen. Michael Guttenbrunners "Moral" ist von jener Klarheit, die einen oft reflexartig eine abschattende Bewegung machen läßt, ehe man von den Texten voll getroffen wird.

Michael Guttenbrunner: Im Machtgehege V. Aachen: Rimbaud 2001. 79 Seiten. 286,- ATS. 19,43. ISBN 3-89086-777-4

Michael Guttenbrunner, geb. 1919 in Althofen, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 12/12/01