GEGENWARTSLITERATUR 1242

Vorbild Deutschland

Am Umschlag apportiert ein deutscher Schäferhund eine amerikanische Flagge und schaut dabei so treuherzig drein, daß man als Leser automatisch die Sympathien dem Hund und nicht der Fahne schenkt. Deutschland mag zwar irgendwie auf den Hund gekommen sein, aber es hat ein interessantes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell für die Zukunft zu bieten, meint der Autor recht suggestiv einladend.

Die Zeiten Japans, als es um flächendeckende Informations- und Unterhaltungselektronik ging, sind längst vorbei, Stichwort Sony, und Amerikas Börsenboom ist gerade am Absaufen, Stichwort New Economies, jetzt sind die Zeiten Deutschlands angebrochen.

Niemand auf der Welt hat für individuelle Lösungen ein derart konkretes Angebot wie der sprichwörtlich deutsche mittelständische Maschinenbau, von der Vorgangsweise dieser Klein- und Mittelbetriebe kann man sich eine Menge abschauen.

Zumal die deutsche Gesellschaft einen unschätzbaren Motor hat, die Gewerkschaften. Längst haben diese das Gemeinwohl im Auge, und ihre gefürchteten Kollektivvertragsverhandlungen bewirken eine ständige Innovation, denn die Gewerkschaften treiben die Unternehmer zu neuen Leistungen an, nicht die Börsen, die immer wieder mit gefälschten Zahlen zusammenbrechen nach dem Motto: Wenn Zahlen nicht zur Story passen, muß man entweder die Zahlen fälschen oder die Story!(26)

Konflikte müssen als Konflikte verhandelt werden und dürfen nicht dem Staat oder Lobbies aufgebürdet werden. Gewerkschaften garantieren als seriöse Konfliktpartner, daß Konflikte auch gelöst werden.

So ist das finanzielle Desaster der deutschen Wiedervereinigung deshalb entstanden, weil die falschen Partner verhandelt haben, ehemalige DDR-Bonzen, die bloß das System wechseln wollten und Lobbies, die nur ihre Märkte sahen, nie aber die Finanzierung.

Überhaupt ist Detlev Gürtler, ein glühender Anhänger Ludwig Erhards und seines Konzepts "Wohlstand für alle", der Meinung, daß ständig die falschen Experten etwas Falsches verhandeln. So sind die deutschen Ökonomen nachweislich die schlechtesten der Welt, weil sie pragmatisierte Lehrstühle im Auge haben und nicht die Forschung. Und Trendforscher haben den Nachteil, daß nach der Popperschen Lehre von der Falsifikation die meisten Trends schon während der Formulierung zusammenbrechen. Beispielsweise ist im Gesundheitswesen der Tod das teuerste, und solange jeder Mensch nur einmal stirbt, lassen sich die Kosten für Gesundheit in den Griff bekommen, wenn man die Kosten für das Sterben in den Griff bekommt.

Die vier größten Stärken der Deutschen sind folglich: Mittelstand, Maschinenbau, Kompromißfähigkeit und Ordnungspolitik.

Die vier größten eingebildeten Schwächen sind: Ökonomen, politische Klasse, (fehlendes) Selbstvertrauen, (fehlendes) Sendungsbewußtsein.

Allen Thesen ist ein überzeugendes Argument aus Ludwig Erhards "Wohlstand für alle" vorangestellt, und das Werk des deutschen Wirtschaftswunder-Meisters läßt sich auf viele Bereichen übertragen.

Der zentrale Begriff der amerikanischen Verfassung lautet "Pursuit of Happiness", jener der Deutschen "Wohlstand für alle". In den USA soll der Staat dafür sorgen, daß jeder sein Glück suchen kann. In Deutschland soll der Staat dafür sorgen, daß es auch jeder findet. (126)

Die USA haben ein starres Marktmodell mit flexiblen Menschen, in Deutschland ist das Wirtschaftsmodell flexibel aber die Leute sind starr.

Und die Verszichtsgurus, deren Zentralorgan DIE ZEIT ist, die Pessimisten des Club of Rome und die Bündnis-90-Anhänger, die nur darauf achten, daß sie mit 90 auch noch ordentlich absahnen können, bekommen ziemlich süffisant ihr Fett ab.

Fazit: Es ist genug für alle da, Gewerkschaften sind viel intelligenter und Wohlfahrts-orientierter, als man es vordergründig ahnt, und das Krisenmanagement der Deutschen ist beneidenswert.

Wer jammert, ist noch nicht zufriedenen und auf dem Weg zum Glück. Wer nicht mehr jammert, hat sein Glück schon verwirkt. So gesehen steht dem deutschen Modell eine große Zukunft bevor, man braucht es gar nicht zu exportieren, alle Welt wird es dereinst importieren, das ist das Geheimnis.

Detlef Gürtler hat eine tolle, intelligente und optimistische Analyse der Gegenwart geschrieben, in der es um mehr geht, als nur um Wirtschaft.

Detlef Gürtler: Vorbild Deutschland. Warum die Amerikanisierung unserer Wirtschaft ein Ende haben muß!

Frankfurt/M: Eichborn 2003. 192 Seiten. € 18,40.

ISBN 3-8218-3996-1

Detlef Gürtler, geb. 1964, ist Wirtschaftsjournalist u.a. für taz und Handelsblatt.

Helmuth Schönauer 16/02/03