TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 613

Fang oder Schweigen

Manche Lyrikbände sind mit Informationen umhüllt, deren man sich erst entledigen muß, ehe man zum Kern der Sache vordringen kann. Da geistert einmal der ungewöhnliche Titel herum, der meist mit zwei Imperativen angegeben wird, fang oder schweig, der Originaltitel freilich besteht aus dem Befehl fangen und dem Vollzugszustand "Schweigen".

Zum anderen ist eine Auskopplung dieses Lyrikbandes mittlerweile als Bauzaungedicht überregional bekannt geworden. Wochenlang hat das Paß-auf-Gedicht die Innsbrucker Bevölkerung am Bahnhof aufgeweckt und aus ihrem Provinzschlaf gerissen.

"PASS AUF // Paß auf, daß du nicht / Unter deinem Heiligenschein verbrennst. / Wer sich so ins Licht rückt, / Hat bald keinen Schatten mehr." (44)

Und drittens ist die Autorin leicht unglücklich über die Ausstattung des Gedichtbandes, das Papier sei verdammt dünn und durchscheinend, meint sie, dabei hat dieses japanisch seidige Papier durchaus seinen Reiz, unterstreicht es doch die überdimensionierte Transparenz zwischen den einzelnen Gedichten.

Nach so viel Vorauswissen läßt man sich gerne anmachen von den Texten, die in fünf Themen gruppiert sind und sich vielleicht mit den Begriffen überschreiben lassen: Heimatgeographie, Sprachschattierungen, Gefühlsjahreszeiten, Kindheitswetter und Schlaf.

Die Gedichte sind semantisch eingedickt, wie man nach langer Geduld einen sämigen Bratensaft zusammenbringt, oft geht sich eine Verknappung auf ein, zwei Sätze aus, die vielleicht wie ein Holzscheit aus einem ganzen Bedeutungsbaum übrig geblieben sind. Diese kompakten Sprachkompositionen sind aber immer noch offen in ihrer Bedeutung, sie benötigen den Leser für den letzten Schliff, damit sie zu ihrem Bedeutungsglanz erweckt werden können.

Viele Texte stützen sich auf ein lyrisches Ich, das sich aus der selbstgewobenen Sprachverfilzung herausschälen möchte, in Liebesaugenblicken gibt es ein ironisches Flehen nach dem Du, und zwischendurch räsonieren die Dinge quasi über sich selber, wenn es etwa um den Fortlauf der Zeit geht.

Die markantesten Texte sind programmatisch den südtiroler Ikonen Anita Pichler und Gabriel Grüner gewidmet, ja das erste Gedicht heißt überhaupt Südtirol, dabei wird dieses Kindheitsgebilde aus Land, abfließendem Wasser und Sehnsucht nach dem Meer zu einer kleinen Koje aus Heimat verdichtet.

Gerade weil die Gedichte so auf den ersten Blick unauffällig sind, gehen sie einem dann doch nicht so schnell verloren. Man geht als Leser zum Alltag über und erlebt an einer ungewöhnlichen Alltagsstelle einen kleinen Seitenhieb ohne Wohin und Woher, das sind dann die angenehmen Spätfolgen der Gedichte von Sabine Gruber.

Sabine Gruber: Fang oder Schweigen. Gedichte.

Klagenfurt: Wieser 2002. 69 Seiten. 16,80.

ISBN 3-85129-380-0

Sabine Gruber, geb. 1963 in Meran, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 12/10/02