Lang lebe Valentins Hut

Eine großartige Literatur schafft sich zur Vermittlung meist auch eine eigene Gattung, da alle anderen Formen nicht ihren Transport verkraften würden. So ist die "Valentinade", nach dem Meister Karl Valentin benannt, durchaus eine eigenständige Literaturform, in der die Redewendungen so lange angewendet und abgegriffen werden, bis der Leser oder Zuschauer durchdreht und sich zumindest für die nächsten Stunden schwört, nie mehr die Sprache unreflektiert zu verwenden. Walter Groschup, Filmdramaturg und Spezialist für jene knappen Dialoge, die die Bilder unterstützen aber nicht überlagern, hat neun Valentinaden zusammengestellt. Es sind dies kleine Theaterstücke, die in ihrer Sprachanwendung den Sinn minimalistisch bis zum Nierenversagen vorantreiben. Einmal wird eine Frittatensuppe zur Tagessuppe der Zukunft, es geht um die Frage, wie lange eine Tagssuppe aktuell ist, mittendrin ist man an die Sprachverwirrung um den Begriff "neu" erinnert, der letztlich jedes Programm alt aussehen läßt. In einer anderen Szene trifft Karl Valentin schon am Vormittag auf einen Beamten, mehr braucht es nicht. Allein, wie man am Vormittag einen Beamten grüßt, ist Gegenstand einer tagelangen Erörterung. Ein Platz in Venedig löst das Unglück der nicht erwarteten Wiedererinnerung aus, die österreichische Frage des Vergessens wird zum Problem, was ist, wenn wir schon einmal auf diesem Platz gestanden sind und es bloß vergessen haben? Im Titelstück "Valentins Hut" überprüft Karl Valentin mit Lisl Karlstadt auf der Promenade, was sich sprachlich unter einen Hut bringen läßt. Immer, wenn die offizielle Sprache der Behörde auf den privaten Anwender trifft, kracht es in der Semantik. Aber auch am sogenannten Stammtisch ist die Meinung nicht von vorneherein einhellig, erst im Unvermögen, etwas genau zu analysieren, zeigt der Stammtisch seine einigende Wirkung. Walter Groschups Sprachsketches sind neben der grandiosen Unterhaltung, die sie auszulösen vermögen, auch große Spielzüge, durch die das Sprachspiel im Wittgensteinschen Sinn zur praktischen Vollendung geführt werden kann.

Walter Groschup: Lang lebe Valentins Hut. Innsbruck: Skarabaeus 2001. 131 Seiten. 193,- ATS. 14,-. ISBN 3-7066-2249-1

Walter Groschup lebt seit 1962 in Innsbruck.

Helmuth Schönauer 25/08/01