GEGENWARTSLITERATUR (1192)

Schöne Freunde

Wir sind alle einmal ausgewandert, nämlich aus unserer Kindheit. Dieser Leitsatz der gelassenen Biographie könnte über Arno Geigers wunderbarem Roman über das Erkennen von größeren Lebenszusammenhängen stehen.

Ein kauziger Ich-Erzähler vergegenwärtigt sich immer wieder selbst staunend, was er in dieser Form nur in Fragmenten im Erinnerungsdepot hat. Ein gewaltiges Grubenunglück zwingt die Bewohner eines Dorfes, auszuwandern. Was die Bewohner als einmalige Katastrophe erleben, scheint für den Erzähler ein normales Ereignis zu sein, das eben passiert, wenn man erwachsen wird.

Der Erzählfaden reißt immer wieder ab, es ist eigentlich mehr ein Wühlen in einem Setzkasten, Schubladen werden herausgezogen und kommentiert. Ein Tor wird beschrieben, ein Tennisplatz, der Firmendirektor, und immer gibt es eine Erklärung, warum diese Beschreibung jetzt notwendig ist.

"Ich beschreibe das Dorf. Vielleicht tue ich nichts anderes. Ich beschreibe es ausführlich, als ob ich mich dort in einem Winkel verstecken wollte, was ich, wenn es mir rechtzeitig eingefallen wäre, hätte tun sollen." (S.22)

Letztlich muß ja der Leser diese Bausteine übernehmen, und da ist es durchaus hilfreich, wenn darüber diskutiert wird, was wo als Textbaustein hingehört.

So ergibt sich eine komplette Dorfgeschichte, eine Geschichte über die Lebensentwürfe von Abenteurern, die in ihren Vorbereitungen stecken bleiben, von großen rhetorischen Gesten, die kleine Alltagswinkelzüge ausleuchten sollen.

Ganz patriotisch wird am Schluß die Liste mit den vermißten und zu Tode gekommenen Bergleuten aufgeschlagen. Diese Liste zieht sich durch den gesamten Roman, immer wieder greift jemand einen aus der Liste heraus und erzählt eine Begebenheit. Es entsteht so etwas wie ein Haufen von verschütteten Anekdoten, die durch ihre Unordnung eine logisch aufgebrochene Story erzählen.

Arno Geiger hat einen fröhlichen, optimistischen Roman geschrieben, der um so lustiger wird, je schicksalsschwerer die Begebenheiten sich entwickeln.

Arno Geiger: Schöne Freunde. Roman.

München: Hanser 2002. 163 Seiten. 15,90.

ISBN 3-446-20211-0

Arno Geiger, geb. 1968 In Bregenz, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 24/09/02