Mit mir, ohne mich

Im gegenwärtigen Literaturbetrieb platzen die Bücher oft an den ungewöhnlichsten Nähten. Dem sorgfältig recherchierten und mit Hingabe verfaßten Journal von Karl-Markus Gauß ist es unerhörterweise passiert, daß es durch den Satz vom dünnen Hals eines eingebildeten Kulturmachers über Nacht berühmt geworden ist. Seit dieser erregte Kulturfuzzi bei einem Empfang das Buch dem Autor vor die Füße geworfen hat, wird es im Feuilleton wahr genommen.

Dabei sind es gerade Dutzende solcher irrer Kulturevents, die Karl-Markus Gauß im Buch kopfschüttelnd beschreibt. Der öffentlichkeitsscheue Autor Paul Auster etwa tritt täglich vor die Kamera und erklärt, daß er sehr öffentlichkeitsscheu ist. Die deutschen Verlage sind dermaßen vom Schrott amerikanischer Literatur geblendet, daß sie sich demnächst zugrunde richten werden, weil ein Buch dem anderen gleicht und nur die Lizenzen wie in den Fußball-Ligen in die Höhe getrieben werden.

Das Faszinierende an diesem Journal ist sein griffiger Duktus, mit dem die Tage eingefangen und losgelassen werden. Ein Jahr lang von August 2002 bis Juli 2001 hat der Autor einen Erinnerungszopf geflochten, indem die Stränge private Lektüre, öffentliche Auftritte und die Darstellung oder Erfindung politischer Ereignisse in den Medien in einander überlaufen.

Warum muß ein amerikanischer Kellner ständig fröhlich sein, wenn ihm nicht danach ist? Warum müssen rumänische Schriftsteller ihr Rumänentum ablegen, wenn sie europäisch in Erscheinung treten wollen? Warum gibt es keinen Trakl-Expreß zwischen den beiden Föhnstädten Salzburg und Innsbruck?

Vom Stoff her schlägt dieses Journal spielend jeden Roman, von der Spannung her jedes Geschichtsbuch und vom persönlichen Schicksal her gesehen jede Biographie. Denn das ist ja die wildeste Frage überhaupt: Inwiefern braucht es mich als Individuum, damit dieser ganze Weltenscheiß passieren kann? Was ereignet sich mit mir? Was läuft ohne mich?

Nach Jahrzehnten ist oft leicht stinken, aber gewissermaßen synchron zur Gegenwart so eine Chronik vorzulegen, das ist eine bemerkenswerte Leistung.

Karl-Markus Gauß: Mit mir, ohne mich. Ein Journal.

Wien: Zsolnay 2002. 356 Seiten. 23,50.

ISBN 3-552-05181-3

Karl-Markus Gauß, geb. 1954 in Salzburg, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 01/07/02