TIROLER GEGENWARTSLITERATUR (615)

Persona

"Persona" ist ein Bildungsroman, in dem das Mädchen Lori seine eigene Person sucht und dabei als Frau endet.

Die Heldin Lori kommt ordentlich ins Schleudern und verbringt wesentliche Teile ihres Lebens damit, Erinnerungen zu ordnen und psychologischen Mustern zuzuordnen. Bei dieser Arbeit unterstützt sie die Psychiaterin Eliza.

Eine Zeit lang läuft alles so ab, wie man sich in einem psychiatrischen System geordnete Verhältnisse vorstellt. Die Analytikerin schaut auf die Uhr, daß die Sitzungen immer pünktlich enden, es gibt kleine Hausaufgaben der Erinnerung und ein Netzwerk von Fragen. Immer wieder werden wichtige Leitfiguren ans Tageslicht geholt, etwa jener Lehrer, dem Lori den Namen Ulysses gegeben hat und der unter anderem verlangt, daß man sich immer entscheiden muß, und sei es auch für den Tod.

Selbstverständlich untergräbt Lori die Autorität ihrer Psychiaterin, indem sie sich in ihre Welt einzuschleichen versucht. So fährt sie auch nach Israel, um wenigstens das Land ihrer Seelen-Sachbearbeiterin kennen zu lernen. Und vollends kippt sie um, als Elizas Mann abseits der Auslands-Botschaft einmal kurz im Lande ist und die Tür öffnet, wodurch ein Sog von Fixierung, Glück und Erotik aus dem Haus des Botschafters heraus los bricht. Im Arbeitstitel hat "Persona" deshalb wohl auch "Das Haus des Botschafters" geheißen.

Irgendwo kippt dann die klare Systemlage, das Mädchen zieht sich Frauenkleider an und schminkt sich extrem, die Frau Analytikerin versucht jung zu bleiben und steckt sich in leichte Mädchenkleider.

Wie im peotischen Realismus taucht immer der Wind auf, wenn sich etwas verändert, Schneeflocken bedrohen nicht nur das Gemüt, sondern auch die Bücher, die darin herum getragen werden, etwas Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit".

Wenn etwas Neues entsteht, braucht es eine neuen Sprache hierfür, heißt es ganz im Duktus von Ludwig Wittgenstein, und hinter einem Buch steht nichts, sagt Lori ganz trotzig, als sie ihre Lektüre kommentieren soll. (37)

Als die Psychiaterin zu ihrem Mann nach Israel fährt, kollabiert die Heldin, sie kommt in geordnete Verhältnisse, und das heißt Steinhof und echte Psychiatrie mit allem Drum und Dran.

"Persona" ist selbstverständlich edel und ernsthaft durchgearbeitet, aber mit ein bißchen Augenzwinkern lösen sich während der Lektüre die strengen Anspielungen, das bißfeste Wollen um straffe Verhältnisse in der Seele der Protagonistin zu einem lockeren Ammenmärchen über die Psyche auf. Ja, es könnte alles ziemlich melancholisch und schwermütig sein, wenn man den Roman germanistisch ernst nimmt, aber muß man das?

Bettina Galvagni: Persona. Roman.

München: Luchterhand 2002. 189 Seiten. 19,10.

ISBN 3-630-87129-1

Bettina Galvagni, geb. 1976 in Bozen, lebt in Bozen und Wien.

Helmuth Schönauer 22/09/02