GEGENWARTSLITERATUR (1176)

Die Korrekturen

Es gibt diese Romane, die einfach schön sind, Gewicht haben, satt in der Hand liegen und einen Zeitausstieg ermöglichen, indem sie den Leser in eine schalldichte Koje führen, in der blaues Licht und Wellness glänzen.

So schlimm genug kann es gar nicht zugehen, den Protagonisten kann gar kein genug großes Schicksal angedeihlich werden, daß es sich nicht ausginge, einen schönen Schauder zu hinterlassen. So langsam und getragen muß man diese Zustände rezensieren, weil der Text die Helden ebenfalls bereits rezensiert und in ein getragenes Korsett gesteckt hat.

Also amerikanische Familiengeschichte, Abbröseln der Zeit, der Alte wird eigensinnig und vergammelt im Bastlerkeller, er war einmal bei der Eisenbahn, hat noch ein paar Relikte im Kopf und eine Schaffnermütze. Die Kinder sind Versager, Köchin und Literat, ein geheimnisvolles Projekt mündet in Litauen, das mittlerweile als Chiffre für eine magische Osterweiterung dient. Dazwischen Provinz, New York als Kontrapunkt, lange amerikanische Sätze mit gedämpften Gefühlssausschlägen, Cinemascope, wenn etwas nicht klar wird.

Der Roman ist ab einer gewissen Mitte so in der Mitte, daß man als Leser innehält.

Es geht ja um Korrekturen, um Lebenserwartungen und Bildungsideale, die den Figuren nicht aufgehen. Aber müßte man dann nicht als Leser diesen Roman ebenfalls in einer Korrekturhaltung lesen?

Also da saust dieser Text als Bestseller über den Kontinent, es gibt nichts auszusetzen, alles ist schön und sein Geld wert, jede Seite hat eine Wertschöpfung die ihresgleichen sucht. Und dennoch: irgendwie ist es abgeschleckt durchkomponiert wie der x-te Philip Glass, der Ohrwurm kriecht immer den Seiten voraus und liegt dann bereits im gemachten Bett, wenn man mit dem Lektüreauge dorthin kommt. Und es ist alles so, wie man es sich erwartet, schön, auch wenn es schräg abgedriftet ist.

Auf jeden Fall ein tolles Zeitdokument. "Korrekturen" war der Renner im Jahre 2002. Das haben die Menschen damals gelesen, wenn sie vollkommen auf ihre Rechnung kommen und glücklich werden wollten.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Roman. A.d.Amerikan. von Bettina Abarbanell. [The Corrections, 2001]

Reinbek: Rowohlt 2002. 780 Seiten. 25,60.

ISBN 3-498-02086-2

Jonathan Franzen, geb. 1959 in Western Springs/Illinois, lebt in New York.

Helmuth Schönauer 25/10/02