Composita Solvantur

Guten Gedichten hängen immer Schlüsselbegriffe aus dem Leib wie Luftwurzeln, sie haben oft nur den einen Sinn, dem Leser etwas entgegenzustrecken, damit er Aufmerksamkeit walten läßt.

Franco Fortinis anziehende Schlüsselwörter könnten sein: Pflanzen, Pflaster, Gräser, Tiere, Monate. Die Gedichte "spielen" an jener Kante, wo die Stadt ins Land übergeht, der Sommer in den Herbst, die Hitze in die Dämmerung. Und auch die historischen Ereignisse bekommen ein flackerndes Aufwallen aus der Mehrdeutigkeit.

"Ich schaue und schreibe, / was ich sehe. / Aus dem Fenster, / Junge // geteerte Mauer, / die erste Morgensonne, / Gleise Florenz-Rom, / Böschung, / grauer Schotter. // Die Eltern schliefen. / Ich schaute und schrieb / wie jetzt." (141)

Mitten im Text sitzt also das lyrische Ich, die Zeiten sind nahtlos ineinander übergegangen, die Dinge evozieren Erinnerungen und diese kehren zu den Gegenständen zurück. Es herrscht durchgehend Spätzeit, also jene abgeklärte Lebensverfassung, wo die Probleme schon ausgewrungen sind und am Haken der Zeit hängen, gut abgetropft.

Der Auswahlband besteht aus den Elementen Das Tier, Kurze Elegien, Der Anstieg und eben dem rätselhaften Spätwerk Composita solvantur. (Irgendwie großzügig zu übersetzen mit: Zusammenfügungen müssen aufgelöst werden. - Eine wahrlich abgeklärte Botschaft voller Lebensweisheit!)

Im Anhang steht etwa das Gedicht Stammheim, eine politisch-lyrische Auseinandersetzung mit jenem Augenblick, wo große historische Gesten in die Erinnerung übergehen. Als Begleitmaterial gibt es Hinweise zu lyrischen Anspielungen, Anmerkungen des Autors und des Übersetzers.

Dieser Gedichtband läßt sofort Freundschaft schließen mit dem Textkosmos Fortinis. So ungefähr könnte ein gelungener Versuch aussehen, einen bei uns unbekannten italienischen Autor zu übersetzen, vorzustellen und schließlich den Leser wach und neugierig zu entlassen.

Franco Fortini: Composita Solvantur. Die späten Gedichte. (italienisch/deutsch). A.d.Ital. von Manfred Bauschulte.

Wien, Lana: edition per procura 2002. (= abrasch Nr. 1). 207 Seiten. 12,-.

ISBN 3-901118-47-0

Franco Fortini, geb. 1917, starb 1994 in Mailand.

Helmuth Schönauer 09/05/02