GEGENWARTSLITERATUR (1185)

basic reality

Dieser durch und durch straffe kalte Begriff aus der digital-sozialen Neuronenwelt beherbergt sechzehn Geschichten, die von der Gegenwart der Zukunft handeln, wie es im Untertitel heißt. Basic reality ist einerseits eine geschrumpfte Gegenwart in der es wörtlich um "Arsch pro artem" (103) geht, andererseits um ein üppiges Sprachdesign, das letztlich nichts als eine vage Richtung als Zukunft beschreiben soll.

Da es sich "basicly" um einen fetzig-innovativen Sound handeln soll, der über allen Ereignissen zu liegen kommt, sind die Texte auch stark alltagsemotional und akustisch spektakulär angelegt.

Ein Paradebeispiel für einen ultimativen Schuß ins geistige Knie ist ein Moderator oder besser gesagt Text-DJ, der sich selbst letztlich mit der eigenen Sprechwurst Scheiß zum Ersticken bringt und das bei offenem Mikrophon. "Das Größte oder Internettes Radio" kann von keiner Reglementierungsbehörde mehr in den Griff gekriegt werden, denn der gesendete Inhalt "kriegt sich nicht mehr ein". In einer dämlichen Sendung geht es darum, die größten Dinge zu nennen, um einen ultracoolen Receiver zu gewinnen. Das Spektakel gerät etwas aus der üblichen Ordnung, als eine gehörlose Frau gewinnt, weil ihre Gehörlosigkeit das Größte ist, was es im Radio gibt.

In einer anderen Basis-Geschichte, einer perfekt durchdigitalisierten Biographie, definiert sich ein Akademiker durch die neuesten Geräte, mit denen er seinen alten Wissensstand verwaltet. Selbst die Beziehungskisten werden letztlich formatiert und zerstört.

Die Titelerzählung, in der es um Elebnistranszenden, ultimative Sensorien und den Willen zum Tod geht, geht der Frage nach, ob man sich selbst überschreiten kann, indem man sich selbst ausschaltet. Basic reality suggeriert eine Erlebniswelt, auf der man sich selbst als Erzählfigur aus dem Spielbrett hinaus schieben kann bei vollem Bewußtsein. Gleichzeitig stellt sich hier auch die Frage nach den Grenzen des Erzählens, wie erzählt man, wenn die beteiligten Personen sich auflösen.

Geschichten von virtuellen Wahlkämpfen, falschen Identitäten und dreidimensionalen Potenzmitteln vermitteln einen dynamischen Zustand der Gegenwart, voller Hektik und Erlebnisgier bei ziemlich abgestumpften Sinnesorganen.

Ludwig Roman Fleischer erzählt mit ironisch-wohlwollendem Ton, als ob er die Wahnsinnsabläufe noch steuern wollte, sie ihn aber während des Erzählens überrollen.

Eine geradezu hyperakustische Dimension entwickeln die Texte, wenn sie vom Autor vorgetragen werden, hier kommt der ehemalige Bandleader und Radiomoderator in den Gigabereich der Ironie.

Ludwig Roman Fleischer: basic reality. Geschichten von der Gegenwart der Zukunft.

Klagenfurt: Sisyphus 2002. 108 Seiten. 12,-.

ISBN 3-901960-16-3

Ludwig Roman Fleischer, geb. 1952 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 15/08/02