Ein amerikanischer Albtraum

Längst gilt James Ellroy als das Maß aller Dinge, was Plot, Dialogführung und Authentizität im Krimi betrifft. Und hinter dem Vorhang der Kriminal-Bühne hat sich längst etwas eingenistet, was "die Welt als Kriminalfall" bezeichnet werden kann. Geschichte ist hauptsächlich Kriminalgeschichte oder Geschichte von Kriminellen, und wo Historiker längst sich in Fußnoten und Querverweise verstrickt haben, kann ein einziger Schnitt in das Netz der globalen Fiktion einen wahren Blick auf das Ambiente der Weltverstrickung werfen. Wayne Tedrow Jr., ein Unterläufl im Polizeidienst, läßt sich für kalte Sechstausend (so der Originaltitel) anwerben, in Dallas nach dem Mord an John F. Kennedy etwas zu untersuchen, zu überstellen oder zu unterstellen. Der Auftrag ist diffus wie das Attentat. Niemand hat einen Durchblick, jedoch sind alle Beteiligten mit einem gewissen Eigeninteresse ausgestattet, von dem sie latent heimgesucht werden. Die High-Society ist korrupt und pervers, während es die niedrigen Chargen der Untersuchung und des amtlichen Protokolls mit einem perversen Alltag zu tun haben, der sie auffrißt. Die Kommunikation zwischen beiden Gruppierungen verläuft sich im Desaströsen, aber auch unter spontan als gleichrangig eingeschätzten Usern wird die Sprache in der Upper-Class zu einer großen Floskel für die Medien, während sie bei den Underdogs zu Wortfetzen und semantischen Leerstellen verklumpt. James Ellroy hat in seinem jüngsten Roman zwar das Attentat auf Kennedy im Auge, die Erkenntnisse von Verschwörung, systematischem Impact und peripherer Investigation lassen sich wie ein Kommentar zur Mythenzerstörung a la World-Trade-Center lesen. Die deutsche Übersetzung "Ein amerikanischer Albtraum" ist quasi zeitgleich zu den Bildern über die Terroranschläge in New York und Washington ausgeliefert worden. Letztlich ist der Roman eine gewaltige Dekonstruktion aller historisierenden Erklärungsversuche, das untersuchte Material ist dermaßen heiß, daß es nur in Stoßsätzen bearbeitet werden kann, der atemlose Erzählstil, manchmal eine Vollveräffung von Hemingway, paßt sich dem erzählten Trümmerfeld an, worunter neben "blood, bloody blood" auch der Glaube an die Fiktion begraben liegt.

James Ellroy: Ein amerikanischer Albtraum. Roman. A. d. Amerikan. von Stephen Tree. Berlin: Ullstein 2001. 846 Seiten. 343,- ATS. 24,92. ISBN 3-550-08336-X

James Ellroy, geb. 1948 in Los Angeles, lebt in Kansas.

Helmuth Schönauer 15/12/01