Nichts, das ist

Während es in Oswald Eggers Gedichtband "Herde der Rede" vielleicht darum geht, das Überschwappen der Sprache in schier unendlichen Schlieren und Permutationen vorzuführen, geht es im neuen Band "Nichts, das ist" schlicht darum, die Grenze zwischen Vorhandensein und Nicht-Vorhandensein eines Gedichtes aufzuzeigen. Diese Sprachgrenze "zwischen Immer und Nie" (Paul Celan) wird auf vier lyrischen Bändern, die durch den Text laufen, abwechselnd als Leer- oder Füllstelle dokumentiert. Etwas graphisch salopp formuliert könnte man diese durchgehenden Achsen mit den vier Notenzeilen der alten Musik vergleichen, auf ihnen steht manchmal gleichzeitig, manchmal in einem bestimmten Rhythmus akzentuiert der jeweils aktuelle Punkt der Musik. Der oberste Textstreifen läuft als echte lyrische Headline über das Papier, es handelt sich um Schlagzeilen, mit denen die verschiedenen Atmosphären der Poesie übertitelt werden könnten. Im oberen Drittel jeder Seite gibt es, scheinbar artig in 260 Gedichtblöcke zusammengefaßt, aktuelle Gedichte aus dem eigenen Literaturgarten. Und der untere Zweidrittelblock jeder Seite besteht aus einer graphischen Verdichtung zu einem Emblem oder einem "visuellen Keks", eingehüllt in einen subjektiven Gebrauchstext, der erklärt, was im Individuum beim Lesen von Gedichten geschieht. Allein die Vermengung der verschiedenen Sprachscheiben, der Innensicht mit dem lyrischen Fakt, der graphischen Gestaltung mit der akustischen Transposition ergibt ein ständiges Oszillieren zwischen "Nichts" und "das ist". Obwohl Oswald Egger bekannt ist für die strenge Ernsthaftigkeit seiner Arbeiten, schimmert immer wieder die Ironie durch, zumindest der Leser kann schmunzeln, daß alles vielleicht gar nicht so streng auszulegen ist in der Lyrik, das es so etwas wie unterhaltende Wonne gibt und Freude an der Sprache, die zwischendurch wohl deklinierte Aussetzer hat.

Oswald Egger: Nichts, das ist. Gedichte. Frankfurt/M: Suhrkamp 2001. (= es 2269). 158 Seiten. 8,-.

ISBN 3-518-12269-X

Oswald Egger, geb. 1963 in Lana, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 08/01/02