In alle Ewigkeit

Es muß nicht immer die Gewalt sein, die Krimileser beeindruckt, eine Anhäufung von psychischen Delikatessen tut es auch. Im neuen Fall, den Kommissar Erik Winter in Göteborg aufklären soll, geht es um das delikate Verbrechen der Vergewaltigung und gleich von Anfang an ist klar, daß hier die Umgangssprache gefordert ist. Denn alle denken die Dinge, die sie nicht aussprechen, quasi laut vor sich hin. So entsteht ein multilateraler Dialog zwischen Opfer, Verbündeten, Verwandten und Aufklärern, der immer zielstrebig an der Sache vorbeigeht. Der Sprachphilopsoph Ludwig Wittgenstein hätte seine helle Freude mit diesem Vorbeireden. Aber es wird nicht nur angedeutet und vorbeigeredet, je harmonischer die Beziehungen sind, um so gräßlicher gärt es unter der glatten Familienstruktur. Es ist beinahe leichter, einem kreuzbraven Vater die Nachricht von der Ermordung seiner Tochter zu übermitteln als die Tatsache, daß sie heimlich schwanger war. Aber auch das Umgekehrte kommt in Ake Edwardsons neuem Roman vor, daß ein Bulle plötzlich zusammenbricht, weil seine ehemalige Frau auf dem Trottoir zusammengefahren worden ist. Also eine offiziell für erkaltet und beendet erklärte Beziehung erhält durch den Tod einen unerwarteten Drive ins Gemüt der Anwesenden. Der große Fall schließlich scheint sich zu einer Story Marke Serienkiller auszuwachsen. Im Göteborger Park kommt es nicht nur zu Vergewaltigung und Mord, auch die unaufgeklärten Fälle der Vergangenheit lasten immer noch auf dem Areal. Den Kommissar Winter kommen die abstrusesten Vermutungen hoch, und je abwegiger er denkt, um so kriminalistisch-logischer wird seine Aufklärungsarbeit. So soll etwa das eingangs vergewaltigte Opfer nur deshalb überlebt haben, weil es keinen Gürtel trug, den der Täter jeweils als Trophäe und Tatwerkzeug den Opfern anzulegen pflegt. Schwere Kriminalorgien können auch ganz zurückgenommen erzählt werden, das erhöht letztlich die Anspannung beim Lesen und die Wahrscheinlichkeit der Fiktion. "In alle Ewigkeit" ist ein fast meditativer Roman über eine gigantische Mordserie in einer mittelmäßigen Stadt.

Ake Edwardson: In alle Ewigkeit. Roman. A.d.Schwed. von Angelika Kutsch. München: Claassen 2002. 350 Seiten. 22,00. ISBN 3-546-00247-4

Ake Edwardson, geb. 1953, lebt in Göteborg.

Helmuth Schönauer 03/01/02