GEGENWARTSLITERATUR 1217

Große Sprünge

Die skurillste Erzählhaltung ist vermutliche jene, wo die zweite Halbzeit der Geschichte aus der verstorbenen Perspektive erzählt wird, man denke nur an William Faulkners grandiosen Text "Als ich im Sterben lag."

Beim Sterben geht es oft wahrlich sehr sprunghaft zu, weshalb das Glanzlicht der 22 Short Stories um eine Herztransplantation der wahnsinnigen Art kreist. Der Erzähler wird vorgeladen, seiner sterbenskranken Mutter gefälligst das Herz zu spendieren, denn spenden kann man eigentlich nicht sagen. Die Verwandtschaft drängt, alte Tanten kommen zum Vorschein und inszenieren einen Totentanz moralischer Art, so daß schließlich der noch fast kindliche Ich-Erzähler sein Herz freigibt. Der zweite Teil der Geschichte handelt von dem großen Loch, das in einer herzlosen Brust wohnt und vom Phantomschmerz, den dieses fehlende Organ in der Gefühls- und Kreislaufwelt auslöst. Und helfen tut alles nichts, die Mutter stirbt, weil das Herz des Sohnes zu klein war, und eine Rücktransplantation kommt auch nicht in Frage, weil schon ein unschuldiges Mädchen darauf wartet.

Judy Budnitz erzählt von tollkühnen und verwegenen Sprüngen, sei es nun, daß sich jemand mit einer imaginären Landkarte einen sprunghaften Zugang zu den versteckten Dingen einer Stadt verschaffen will, jemand seine soziale Lage verbessern möchte und dabei in die falsche Richtung denkt, oder der Alltag durch einen Anflug von Plötzlichkeit unrettbar zerbricht nach dem Motto Sprung in der Schüssel.

Allein die Eingangsgeschichte "Hundstage" zeigt in makaberer Form die großen sozialen Sprünge, die eine Gesellschaft auslöst, deren Mitglieder arbeitslos, ausgestoßen und aus jeglicher Verantwortung outgesourcet werden. Ein Arbeitsloser bettelt sich mit einem Hundekostüm durch das Leben, winselt, jault und bellt perfekt, bis er den Hausbesitzern dann doch auf die Nerven geht und erschossen wird, wie man es mit einem lästigen Hund eben macht.

Wahnsinn, Sozialkritik und Absurdität sind wie die Ringe einer heißen Herdplatte in einander gelegt, und die Geschichten sind tatsächlich alle heiß.

Judy Budnitz: Große Sprünge. 22 Short Stories. A.d.Amerikan. von Brigitte Heinrich. [Flying Leap, 1998].

Frankfurt/M: Insel 2002. 279 Seiten. 19,90.

ISBN 3-458-17098-7

Judy Budnitz, geb. 1973 in Massachusetts, lebt in New York.

Helmuth Schönauer 24/11/02