BT-39

[Grundausstattung]

Im Hauptort: drei Gasthäuser, eine Kirche, ein Geschäft, sonst nix. Nicht einmal eine Tankstelle! Mein Lambarene. Eine Gemeindebibliothek - so klein, dass nur zwei Leute reinpassen. Wenn einer ein Buch aus dem Regal nimmt und umblättert, wird es eng. Und von den Büchern ganz zu schweigen. Eine Busch-Bibliothek eben. Zumindest vor 15 Jahren, da war ich das erste und letzte Mal drinnen. Ein Kino in 12 km Entfernung, das nächste einigermaßen ernst zu nehmende Theater 70 km weit weg. Ohne Fernseher, Satellitenempfang und Video nicht auszuhalten. Gumperting besteht aus 25 Dörfern. Das kleinste hat 4 Häuser, davon 2 Quasi-Ruinen. Wohnen aber noch alte Leut drin. Und Hühner. In der Stube! So schautís aus! Sie haben ja keine Vorstellung.

Aus:

Fritz Popp: Warten, was der Fluss so bringt. Schwarze Geschichten. S.105-106

[Kurzrezension]

Während in diesem Spätsommer halb Europa von der größten Flutwelle des Jahrhunderts heimgesucht worden ist, hat natürlich der Titel der Sammlung schwarzer Geschichten nach seiner Drucklegung einen zusätzlichen Kontext bekommen. Flüsse können auch Unglück und Verderben bringen.

In der Titelgeschichte Fritz Popps freilich sitzt ein ziemlich abgebrühter Landarzt in seinem kleinen Kaff und räsonniert über die Kleinheit von nichtssagenden Ereignissen. Vor lauter Alltäglichkeiten würde er nicht einmal seinen Feind erkennen, wenn er einen gehabt hätte, das Leben ist zu einem Sprichwort verkommen. "Man muß nur warten können. Und sehen. Wie die Indianer sagen: Warten und sehen, bis im Fluss die Leiche des Feindes vorbeischwimmt." (S. 116)

Die sogenannten schwarzen Geschichten sind in doppelter Hinsicht schwarz, einmal als groteske Szenarien unbeholfen agierender Alltagshelden, und zum anderen, weil die meisten Figuren tatsächlich schwarz sehen, was ihr eigenes Schicksal betrifft.

Ein Radfahrer wird kurz aus dem Sattel gehoben, weil er mitten auf seiner gewohnten Strecke eine erotische Alltagsgeschichte abwickeln muß.

Ein Zahnarzt beteuert, daß er an und für sich noch zur Liebe fähig ist.

Lehrer tratschen kurz über den neuen Kollegen und versinken dann wieder in der Unterrichtsdepression.

Die Hände eines sensiblen Geigers treiben nach einem aufrührenden Stück abgehackt im Fluß.

Die Friedhofslinie wird zur beliebtesten Strecke der morbiden Stadt, Pensionisten schmachten hin und zurück dem eigenen Tod entgegen.

Fritz Popp stellt diese Schicksale prägnant, liebevoll und mit einem leichten Seufzer vor. Manchmal gibt er seinen Figuren ein wenig Auslauf für eine freie Entscheidung. Aber seine Helden nehmen deppensicher immer die dunkleren Töne des Schicksals in Angriff, und am liebsten greifen sie mit aufgeblendeter Lust ins Schwarze.

Fritz Popp: Warten, was der Fluss so bringt. Schwarze Geschichten.

Innsbruck: Haymon 2002. 124 Seiten. Ä 14,40.

ISBN 3-85218-399-5

Fritz Popp, geb. 1957 in Vöcklabruck, lebt in Salzburg.

Helmuth Schönauer 10/09/02