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[Bibliothek eines Privatdetektivs]

[...]

Trotz der Probleme der vorangegangenen Nacht und des Verhörs durch die Bullen war ich fröhlich. Ich befand mich in meinem Büro, und der Blick auf die Regale voller Bücher schenkte mir ein seltsames Gefühl der Sicherheit. In ihnen standen diese Sätze, die ich mir immer einprägte, um meine eigenen Gedanken oder Seelenzustände bestätigt zu sehen. Zwischen diesen Büchern mußte auch das blaue Heft mit den Gedichten stehen, die ich an der Uni geschrieben hatte und die ich in all diesen Jahren heimlich korrigiert hatte, als wären es nicht meine, sondern von jemand Fremdem, jenem jungen Mann, der ich von seinem Alter und seinen Erfahrungen her nie sein würde. Manchmal hatte ich sogar daran gedacht, sie zu einer Druckerei zu bringen, um daraus ein kleines Büchlein machen zu lassen. Doch am Ende obsiegte immer der Gedanke an die Nutzlosigkeit. Überall gab es Dichter, die ihre Arbeiten zeigten. Einiges war authentisch und lebendig. Anderes waren nur billige Gefühle von Typen, die mit zuviel Bier im Bauch schreiben.

Mir fiel ein Buch von Manuel Rojas ein, das ich früher einmal gelesen hatte. Ich nahm es aus einem der Regale und suchte den genauen Wortlaut heraus. Das Zitat war mit rotem Buntstift unterstrichen: "Gib mir Zeit, um den Himmel zu genießen, das Meer und den Wein, und verkaufe weiter deinen Käse oder deine Präservative; gib mir Zeit, um zu leben, und stirb, während du deine Waren zählst, die Dummen von der Güte deines Regierungsprogrammes überzeugst, deine Zeitung liest oder deine Produkte verschacherst, die immer billiger sind, als was du für sie bezahlst und wofür du sie verkaufst. Wenn du mir außer Zeit auch noch Raum gibst oder ihn zumindest nicht nimmst, um so besser: Dann kann ich weiter gehen, als ich dachte, die Gegenwart jener Bäume und jener Felsen spüren."

Ich stellte das Buch wieder an seinen Platz zurück, nahm meine Jacke vom Stuhl und verließ das Büro. Eine niedrigstehende Sonne glitt über die Bürgersteige, [...]

Aus:

Ramón Díaz Eterovic: Kater und Katzenkjammer. S. 39-40

[Kurzrezension]

Ein für den Leser unvergeßlicher Privatdetektiv muß ein paar irrwitzige Eigenheiten haben, die der Leser auch gerne hätte, wenn er einmal Privatdetektiv sein müßte. Diese freiwillig ausgesuchten Dellen stellen meist auf kürzestem Weg eine freundschaftliche Beziehung zwischen dem Helden und dem Leser her.

Der Privatdetektiv Heredia wirkt und werkt in der chilenischen Hauptstadt Santiago, hat einen Kater und ständigen Katzenjammer. Insofern ist der Titel des aktuellen Buches als Lebensprogramm des Detektivs zu verstehen. Aber Heredia ist außerdem belesen und hat neben dem alltäglichen Schmierenkram, durch den er sich durchschlängeln muß, noch immer einen Blick für das Wesentliche, für die große Schweinerei sozusagen.

Die große Crux des melancholischen Aufklärers besteht immer darin, daß niemand etwas von ihm, seiner Arbeit und seiner Enthüllung wissen will. Er macht reinen Tisch, wo alle noch tafeln und sich ihren Happen vom Verbrechen herunterschneiden. So etwas führt zur Vereinsamung, denn es stellt sich nicht nur die Frage nach dem Sinn des Genres sondern auch nach dem Sinn des Lebens. Was lohnt es sich noch, Widerstand zu leisten und zu kämpfen, wenn alles dezidiert für die Wäsche ist.

Im aktuellen Fall wird eine Leiche an die Tagesoberfläche eines Hotels gespült, in dem Heredia kurzfristig abgestiegen ist. In der Folge wird er selbst als Verdächtiger gehandelt, so daß er schon aus Eigeninteresse am Fall dran bleibt. Aber bald ereilt ihn sein aufklärendes Antischicksal, eine große Schweinerei beim Bau der argentinisch-chilenischen Gasleitung ist am Köcheln, alle haben ihre Finger drin, und die Leitung leckt vor Korruption. Aber alles ist für die Katz, so daß letztlich nur noch ein Umtrunk für einen gewaltigen Kater bleibt.

Ramón Díaz Eterovics Krimis sind voller Verspieltheit mit dem Nonsens des Daseins, der Sinn liegt zwischen den Zeilen, weshalb dort auch immer literarische Zitate und andere Erkenntnisse versteckt sind, sehr zur Freude des Lesers.

Ramón Díaz Eterovic: Kater und Katzenjammer. Ein Fall für Heredia. Roman. A.d. chilen. Span. von Maralde Meyer-Minnemann.

Zürich: Diogenes 2001. 337 Seiten. 19,90.

ISBN 3-257-06285-0

Ramón Díaz Eterovic, geb. 1956 in Punta Arenas, lebt in Santiago de Chile.

Helmuth Schönauer 03/01/02