Fluchten

In der Pferdezucht zeigt sich neben der Lust auf Schönheit und dem spielerischen Nutzen, die ihr innewohnen, vor allem, daß sie eine schwere sexuelle Angelegenheit ist. Im Roman "Fluchten" wird von einer algerischen Pferdezucht-Dynastie erzählt, der Stammvater Ila ist impotent und züchtet durch Adoption seine Familie zusammen, wie er stets die besten Pferde des Globus in seinen Stall führt. Die adoptierten Nachkommen wissen vorerst nichts von ihrer Herkunft, so daß Liebesspiele mit einem Schuß Inzest an der Tagesordnung sind. Doch dann treibt es den Großteil der Bewohner Algeriens, die Freiheitskämpfer, Pferdezüchter und Adoptivkinder hinaus in die Welt. An diversen Schauplätzen der Weltgeschichte, in Moskau, Peking, Hanoi und Paris, müssen sich die heimatlos gewordenen Nachkommen einer sogenannten "Idee Algeriens" zurechtfinden, was in erster Linie bedeutet, daß Heimweh und schier unerträgliche Erinnerung an die Kindheit ihre Begleiter sind. Rachid Boudjedra schickt seine Helden ins voll entfachte Feuer der Verzweiflung. Rastlosigkeit, Peitschenhiebe der Triebe und ein Galopp ins Ungewisse sind die vagen Richtlinien, an denen entlang sich die Figuren in die unmittelbare Zukunft fallen lassen. Dabei haben die Helden durchaus eine Textsammlung im Kopf, nach der sie ab und zu ihre Handlungen ausrichten. Herzergreifende Literaturzitate über die Liebe, karstige Reisebeschreibungen der Aufenthaltsorte und Tagebuchaufzeichnungen, in Trance hinkalligraphiert, unterstützen die Suchenden bei ihren permanenten Fluchten. "Meine Schrift ist der Ausdruck meiner Verzweiflung und meines nicht enden wollenden Exils."(122) Der Roman erschließt für den Leser auf völlig einzigartige Weise so verschiedene Sinn-Areale wie Pferdezucht, Kulturtransfer, Exil, Heimatkunde und Geschichtsbewußtsein. Bald einmal in einem "algerischen Sound" versunken, vergißt der Leser, daß er eine vortreffliche Übersetzung liest, die sich der Stimmung des französischen Originals elegant entspricht.

Rachid Boudjedra: Fluchten. Roman. A.d.Französ. von Patricia A. Hladschik. Mainz: Donata Kinzelbach 2001. 169 Seiten. 267,- ATS. 19,43. ISBN 3-927069-55-8

Rachid Boudjedra, geb. 1941, lebt in Algerien und Frankreich.

Helmuth Schönauer 27/09/01