Die Bibliothek von Babel
Die Bibliothek von Babel, je nach Druck eine Erzählung im Umfang von etwa zwölf Seiten, ist jener Text, auf den die Bibliothekare die rechte Hand legen, wenn sie vereidigt werden. (Die linke Hand schwört in unseren Breitengraden auf das hundertste Kapitel in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften, worin ein wahnsinniger General die Nationalbibliothek besichtigt.) In der sehr sinnlich und kostbar gestalteten Ausgabe von Klaus Detjen wird das Element der Unendlichkeit aufgegriffen, indem die Paginierung aus einer zwöfstelligen Zahl besteht. Ehe man zum sogenannte Text vordringen darf, muß man als Leser weite Flächen unbekannter Geographie durchreiten, eine Längs- und eine Breitenkoordinate auf jeder Seite vermitteln den Eindruck eines unendlichen Gedankenkontinents, der sich nur mit Mühe vermessen läßt. Eingeflochten sind die verschiedenen Sprachen, die auf dieser Welt registriert sind, schier endlose Schleifen sind aus der Zahlenkombination M-C-V gebildet, die als Dekoration aber auch als Gen-Kode gelesen werden können. So eingestimmt gelangt man zur Erzählung der Bibliothek von Babel, die Bibliothek ist unendlich, sechseckige Zellen stellen eine Art magische Gliederung dar, die Bibliothekare sind verstorben, verglührt im Fallwind des Daseins. Alles, was es auf der Welt gibt, gibt es als Buch. Jedes Buch ist einmalig, aber sollte es verschollen gehen, gibt es noch ein Falsifikat als Ersatz, das sich vielleicht nur in einem einzigen Buchstaben vom Original unterscheidet. Der Text ist wahrlich als die Heilige Schrift der Bibliothekare zu lesen, in einer geheimnisvollen Balance voller Rätsel und Realismus sagt der Text alles, was sich über die Welt sagen läßt. Echte Bibliothekare lassen als Bildschrimschoner gerne folgende zwei Sätze durch das digitale Weltall sausen: "Die Bibliothek ist unbegrenzt und zyklisch." und "Die Bibliothek ist eine Sphäre."
Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel. Eine Erzählung. A. d. argent. Span. von Karl August Horst. Herausgegeben von Klaus Detjen. Göttingen: Steidl 2001. (= typographische Bibliothek, Band 4). 96 Seiten. 423,- ATS. € 30,74. ISBN 3-88243-778-2
Jorge Luis Borges (1899-1986) schrieb die Erzählung 1941 in Mar del Plata.
Helmuth Schönauer 25/08/01