GEGENWARTSLITERATUR (1169)

Wo ich bin ist Hinten

Wie schon im Titel ersichtlich, geht es im Roman vom "Hinten" um eine räumliche, zeitliche oder soziale Verschiebung. Wo es ein Hinten gibt, muß es ja ein Vorn geben, und das erzählende Ich definiert sich immer in einer Verzögerung zum sogenannten aktuellen Erlebnisstandard der Gesellschaft.

Und natürlich schwingt österreichisch-semantisch etwas vom Hintern mit, Ulrich Bogislavs Roman vermittelt eben auch ein Gefühl "Oasch", um es sanft vulgär auszudrücken.

In knapp dreißig Erzählsequenzen erleben wir einen Giga-Tag des Erzählers, schon das erwachen ist bös, der Geburtstag geht daneben, am Bauzaun tut sich ein Loch ins Nichts auf und eine Reise nach Berlin mündet nicht gerade in Sinn.

Immer wieder läuft die Sexualität Amok, und man kann ihrer nicht Herr werden. Nicht gerade ermunternd ist die Aussicht, daß nur eine beschränkte Anzahl von sexuellen Samenschüssen zur Verfügung stehen, und der Erzähler ist schon ziemlich am Limit und hat große Angst, daß es bald aus sein könnte mir der schönen sexuellen Herumspritzerei.

Überhaupt sind es seltsame Ängste, die im Laufe eines großen Erlebnistages das Gefühl durchwachsen. Ein Hund tut nichts, aber der Beruhigung des Hundehalters ist eben doch nicht zu trauen. Und ein Urlaubstag im Siebengebirge geht daneben, weil sich die erwarteten Klischees wörtlich daneben benehmen und keinen Sinn machen.

Letztlich gelingt so etwas wie Befreiung, in dem der Körper alle Metallteile und sonstigen Störelemente, die sich versammelt haben herauskotzt.

Diese dreißig Ansätze zu einer Weltbeschreibung sind gekennzeichnet durch eine Konstruktionsweise, die zwar dem Ich genügt, aber nicht der Welt, die Störungen der Kommunikation sind vorprogrammiert und das Individuum verigelt sich immer heftiger in sein Konstrukt. Aber auch die anderen Figuren arbeiten offensichtlich nach der ähnliche Methode, Biermönche machen etwa reine "Luftkunst" und ein Schweinedealer macht die falschen Leute glücklich. Und wenn einmal die Welt in Ordnung sein sollte, geht sie orthographisch aus dem Leim, wenn etwa ein Audi zu einem Auti wird oder Asien sich mit Assissi vermengt.

Letztlich bleibt nur die Erkenntnis, daß man den Mittelpunkt der Welt selbst definieren muß, am besten durch sich selbst, auch wenn alles hinten ist. Ein toller Roman über Sprachtrübnisse und Sinnwucherungen, und im Zweifelsfalle immer lustig und erkenntnisreich!

Ulrich Bogislav: Wo ich bin ist Hinten

Klagenfurt und Wien: Ritter Verlag 2002. 147 Seiten. 13,90.

ISBN 3-85415-317-1

Ulrich Bogislav lebt als Graphiker, Musiker und Autor in Köln.

Helmuth Schönauer 10/10/02