Novotnys Mumie

Wenn Sex wirklich das große Programm der Männer ist, dann muß man im Kampf gegen große Männer den Sex einsetzen. Das denkt sich eine Jüdin in der Endphase des Dritten Reiches und kämpft im Untergrund eines Wiener Hinterzimmers im Widerstand. Sie befreit gegen einen kleinen Unkostenbeitrag Nazigrößen vom Sperma und vernichtet dieses stracks, damit sich die Nazis nicht mehr vermehren können. Auf dem Weg ins Ministerium, wo er ein geheimes Kampfmittel vorstellen soll, schaut auch Novotny in seinem SS-Wichs auf einen Sprung vorbei, doch ein alliierter Bombenangriff beendet jäh den genitalen Kampfeinsatz. Von der Druckwelle einer Bombe scheinbar unbeschädigt getroffen gerät Novotny in den Wirkungskreis seines geheimen Insektenvertilgungsmittels und erstarrt zur Mumie. Rund um diese groteske Handlung sind echte Österreicher aufgefädelt, die bereits für die Zeit danach, wenn das Reich zu Ende ist, Vorsorge für ein unbeflecktes Leben treffen. Da kann es schon passieren, daß ein Eintags-Spion aus Versehen mit seiner Kusine einen dienstlichen Geschlechtsverkehr hinlegen muß, daß ein Chemiebetrieb das Sortiment stündlich nach der Weltwetterlage umstellen muß, und daß der mumifizierte ehemalige Inhaber der Fabrik den Angestellten als Drohung und Arbeitsansporn gezeigt werden muß. Die Erzählung "Novotnys Mumie" ist eine Aufarbeitungsliteratur der anderen Art. Alfred Bittners Antwort auf eine groteske Zeit ist eine zeitlose Groteske. Völlig respektlos fallen dem Insektenvertilgungsmittel alle Menschen zum Opfer, während andererseits wieder alle gleichzeitig im Widerstand sind und schließlich wieder alle die Kurve zur sogenannten Nachkriegszeit schaffen. Die Protagonisten sind vorerst alle auf den Vorteil des eigenen Überlebens aus, alle tragen Namen, die mit N beginnen, Nanny, Novotny, Niki, Neumeyer, so daß man als Leser wie in einem russischen Roman immer überlegen muß, welcher Nobody der Zeitgeschichte gerade gemeint ist. Grandios ist natürlich der Plot um die Mumifizierung, nicht nur ägyptische Pharaonen sondern auch mittelhohe Nazigrößen können von der Geschichte auf den Status quo eingefroren und mumifiziert werden, wenn ihr danach ist. Sichre gefriert dem Leser manchmal das Lachen vor dieser scheinbaren Respektlosigkeit beim Erzählen. Aber ähnlich wie in Gerhard Fritschs Fasching läßt sich große Geschichte am besten in der Nähe genital-absurder Perversion erzählen.

Alfred Bittner: Novotnys Mumie. Erzählung. Mit einem Nachwort von Walter Klier. Innsbruck: Skarabaeus 2001. 183 Seiten. 248,- ATS. 18,00. ISBN 3-7066-2259-9

Alfred Bittner, 1914-1989, lebte in Wien.

Helmuth Schönauer 07/09/01