BT-26

Gelochte Bücherei

Wir hätten schlafen sollen, aber wir schliefen nie, lagen da, bis uns etwas einfiel. Eines Tages, es gab einen Locher im Haus, den mein Vater aus dem Büro mitgebracht hatte, holte ich mir stapelweise Bücher aus dem Regal ins Bett. Sorgsam ging ich durch alle Bücher, besah sie hinten und vorne und machte dann als Zeichen meines Gutachtens und meiner Anerkennung oder Besitznahme Löcher in die Seiten. In jedes Vorsatzblatt stanzte ich mehrere Löcher. Dann stapelte ich die Bücher wieder, trug sie zurück und räumte sie ins Regal. Das machte ich bei zwanzig, fünfundzwanzig Büchern oder so. Niemand hat je etwas gesagt.

Aus: Martin Kubaczek, Strömung. S.45

[Kurzrezension]

"Mein Name ist Toni Löw und ich bin in Jedlesee geboren." Dieser Satz hat gute Chancen, ins unsterbliche Verzeichnis der wichtigsten Eröffnungssätze einzugehen. Jedlesee liegt an der Donau und in einem beinahe schon surrealen Ambiente an einem sinnlosen Flecken Donauufer spielt sich die Kindheit des Toni Löw ab. Strömung ist ein großer Gedankengang, der im Erzähler ausgelöst wird, als er in Japan ein Haus räumt, wobei er mehr oder weniger bis auf die Grundmauern auszieht. Strömung ist aber auch eine sanfte Bewegung, mit der die Kindheit aufgerührt wird, und handfest geht es natürlich um die Donau und ihre Strömung. Die Donau ist in der Kindheit noch unverbaut, längs und quer gehen die Menschen Spuren in den Sand, ehe diese wieder abgespült werden von der nächsten Flut. Auch die Kindheit ist noch unverbaut, verschiedene Abenteuer und Erziehungsprogramme werden in den unschuldigen Sand geschrammt, ehe dann das Leben vorbei kommt und alles niederspült. Der Vater des Erzählers ist ein Abenteurer der Fünfziger Jahre, der ständig an der Freizeithütte herumbastelt, aber das Leben nicht in den Griff bekommt. Der Sohn bewundert im Nachhinein diesen frivolen Umgang mit der Lebenszeit und dem Lebenssinn, denn die ganze Hüttenwirtschaft wird schließlich niedergebaggert und die Kindheit somit aufgelöst. Das Faszinierende an Martin Kubaczeks Erzählung besteht in der gelassenen Erzählhaltung. Mit dem japanischen Kulturblick für Reduktion und Strömung werden einzelne Gerätschaften ins Bewußtsein geholt, bei meditativem Licht betrachtet und wieder unversehrt in die Erinnerungsvitrine zurückgestellt. Es geht also nicht darum, die Kindheitserfahrungen irgendwie abstrus zu legitimieren oder, wie so oft, wenn österreichische Dichter dieses Genre unter die Tastatur nehmen, jemanden in Aufarbeitungs-Wut anzuklagen. Es geht um den Umgang mit der Zeit, die rinnt und rinnt und doch nie verströmt. "Man schreibt von hinten nach vorne: Was einem die Geschichte aufhebt, in den Flußsand gesetzt umspült, sinkt langsam ein." (56)

Martin Kubaczek: Strömung. Erzählung. Wien, Bozen: folio 2001. 175 Seiten. 248,- ATS. 18,02. ISBN 3-85256-162-0

Martin Kubaczek, geb. 1954 in Wien, lebt in Japan.

Helmuth Schönauer 02/10/01