Bt-25

Bibliotheksstellen im Text

[Bibliothekarin im Schweizer Speisewagen]

[...]

- Sicher, ohne Ihre Anwesenheit wäre ich zur Zeit ganz anderen Aussichten anheimgegeben: fernen Hügelzügen, Strassenkreuzen, Fabriken, Vorgärten. Ich hinge meinen flüchtigen Einblicken durch Küchen-, Stuben-, Schlafzimmerfenster nach und sähe das Personal dieses Wochentags wie in einem Spielfilm vor den Zugfenstern vorüberziehn. Gedanken über mein eigenes Leben würden sich mir unwillkürlich aufdrängen. Als Bibliothekarin wird man das Gefühl ja nie ganz los, selbst auch aus Papier zu sein. Aber spätestens nach den Gestaden des Vierwaldstättersees würde ich doch wieder nach meinem Buch suchen im Handgepäck.

[...]

- Ich habe keine Patenkinder. Nicht einmal Katzen. Dafür eine Kundschaft in der Bibliothek und die zehntausend Bände, sie sind meine "Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst", wie der Dichter die Bücher nennt. Wie spät ist es denn?

Aus:

Klaus Merz, Adams Kostüm. Innsbruck, Haymon 2001. Seite 88-89

[Kurzrezension]

"Ein Tag für Impressionisten!" (16) sagt gleich zu Beginn der ersten Erzählung Fast Nacht ein Gast beim Einchecken ins Sanatorium, die Stimmung ist aufgegeilt morbid, der Mond treibt sich erotisch am Firmament herum und es knistert zwischen Männern und Frauen. Die Erzählerin ist für das Wohl der Gäste verantwortlich, da darf sich die Erotik nur zwischen den Zeilen einnisten, auch wenn das Gegenüber gleich mit einem Verweis auf das Loch in der Strumpfhose einen starken Aufguß der Gefühle setzt. Aber Impressionisten haben eine stark ausgeprägte Schamgrenze, da mag die allgemeine Schwüle noch so stark daran rütteln, es tut sich kein Ventil auf für den Gefühlsstau! In der Haupterzählung Adams Kostüm wird der Ablauf eines Jahres aus der Sicht einer Kostümverleiherin erzählt. Für jeden Anlaß gibt es ein Kostüm, falsche Berufe brauchen einen schnellen Aufputz, ein Ereignis muß getarnt werden, unverhofft werden große Opernszenen lächerlich und bei einem Manöver muß mit Toten gerechnet werden. Jede Jahreszeit hat ihre Kostüme, aber letztlich ist die Nacktheit das einzige Kleid, das dem Menschen immer paßt. In einer kleinen Erzählung zum Ausklang Zugzwang reden sich zufällig zusammengewürfelte Personen in einem Schweizer Speisewaggon ziemlich nervös ihren Lebenssinn von der Seele. Gerade im Small-Talk des Nonsens laufen die Passagiere zu großer Form auf, insbesondere eine Bibliothekarin besticht durch ihre Angst vor einer papierenen Identität. Diese drei Meistererzählungen zeigen Klaus Merz wieder in voller Dichter-Blüte: Leicht kauzig wie Robert Walser und etwas sperrig enthaltsam und dabei zwingend keusch wie der Grüne Heinrich, wenn er sich an Judith heranpirscht, bewegen sich die Figuren in einem abgesteckten Schweizer Ambiente, wo der Mond durchaus als weißes Kreuz erscheint, wenn es die Patrioten für eine Nacht verlangen. Genauer betrachtet sind es natürlich Weltfiguren, die hier agieren, ständig erotisiert und dennoch immer von Gefühlen und Ritualen zur Verschlossenheit verpflichtet.

Klaus Merz: Adams Kostüm. Drei Erzählungen. Innsbruck: Haymon 2001. 92 Seiten. 218,- ATS. 15,90. ISBN 3-85218-361-8

Klaus Merz, geb. 1945 in Aarau, lebt in Unterkulm/Schweiz.

Helmuth Schönauer 15/08/01