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[Wilde Wanderbibliothek]

Heute zählen die entscheidenden Dinge des Lebens: der Unterschied zwischen gemeinsamer und getrennter Bibliothek. K. erkennt meine Ordnung nur als Provisorium an. Die Frage ist, nach welchen Kriterien die GEMEINSAME Buchwelt gereiht werden soll. Der Inhalt meiner Regale wandert durch verschiedenste Wohnbereiche, um letztendlich in das Gesamtkunstwerk "K.s wilde Wanderbibliothek" integriert zu werden. Auch Franz Schuh lebe mit Buchstößen in der Küche.

Seit ich mich erinnern kann, kämpfe ich gegen Unordnung, konstruiere Ablagen und Ordnungssysteme, um mein Traumziel "Alles auf den ersten Griff" zu erreichen. Der Gewohnheitsmensch muß aber aus dem Konzept gebracht werden, um Widerstand gegen Verhärtung zu lernen.

Aus:

Christine Werner: fern & weh. Ein Reisefieber.

Klagenfurt: Sisyphus 2002. S. 45

 

 

[Kurzrezension]

Eine Icherzählerin bereist mit ihrem Partner, dem in der Literatur wohlbekannten K., Europa und Amerika. Der K. ist seit Franz Kafka nicht mehr zu gebrauchen, ohne daß man nicht sofort an den Josef K. oder gar den bloßen K. in Kafkas Romanen "Der Prozeß" oder "Das Schloß" erinnert würde.

Diese Ehrfurcht einflößende Figur spielt auch eine wichtige Rolle in Christine Werners Roman, der sich als "Reisefieber" ausgibt.

Alles, was irgendwie mit Reisen zu tun hat, wird in den Memoiren der Erzählerin aufgeschlagen, teils im Stil eines Reisetagebuchs, teils als Chronik einer Alltagsgeschichte der Peripherie. Und immer wieder geht es auch um die Beziehungskiste, in der Frau und Mann während des Reisens artig scharren.

Je potenter die Männer um so impotenter die Sprache oder umgekehrt. K. jedenfalls entgleist öfters mit seiner Sprachanwendung, und sinnigerweise geschieht das meistens dann, wen er gerade mit der Bundesbahn unterwegs ist. Aber auch ein sportlicher Allrad, in dem man den Szene-Sender FM4 empfangen kann, während man einem Alt-68er den Vogel zeigt, ist eine gute Reisemöglichkeit.

Die eine Reisekoordinate zielt über den Semmering in die tiefste Provinz, und das ist naturgemäß Kärnten, die andere führt stracks nach Amerika, und endet in einem völlig heruntergekommenen Appartement. Gute Reisen enden übrigens meistens im Nichts. Das mag ein Grund sein, warum dieses Reisefieber immer wieder in neuen Sequenzen entfacht werden muß, kaum das ein Abschnitt abrupt geendet hat.

Nicht nur die Ziele sind letztlich nichtssagend, auch die Wege sind gepflastert mit absurden Nichtswürdigkeiten.

Hier tut sich immer wieder die Bundesbahn hervor, die mit Fahrrädern nicht umgehen kann, absurdes Schaffnerpersonal einsetzt und in ihren Tarifbestimmungen jeden nur erdenklichen Haken schlägt.

Aber auch der Stephansdom kann zu einer Herausforderung werden, der Kardinal erweist sich als Fehlbesetzung, die geeignet ist, die Reise ins Innere der Transzendenz zu verhindern, zur Strafe gibt es daher eine Kerzenverweigerung.

Die Erzählerin wird mit Fortdauer des Reisefiebers zu einer Liesl Karlstadt, einerseits tragende Säule des Reiseunternehmens, andererseits mißachtete Begleitperson auf einer ziemlich herabgewerteten Beziehungsstufe.

Die Reise frißt ihre Kinder, könnte man sagen, denn am Ende bleiben viele Eindrücke, philosophische Erkenntnisse, Exkurse durch die Welt der Fiktion, aber die Beziehung hat sich erledigt. Aus dem kompakten Fernweh sind am Ende des Romans ziemlich devastierte Gefühlszustände wie fern und weh geworden.

Christine Werner nützt das Genre der Abenteuerreise für einen wilden Ritt durch die Zeitgeschichte der Provinz, auf dem Weg zur Bildung erfahren die Protagonisten des Romans die Dimensionen jenes Loches, das die Provinz ausmacht. Eine lustige Geschichte, voller österreichischer Eigenarten, die den Eindruck vermitteln, als wäre der Wahnsinn eine österreichische Erfindung.

Christine Werner: fern & weh. Ein Reisefieber.

Klagenfurt: Sisyphus 2002. 141 Seiten. 14,-.

ISBN 3-901960-13-9

Christine Werner, geb. 1954 in Wien, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 21/11/02