BT-36

[Bücherei im Keller]

Dr. Hüff hatte den Keller vor Monaten für sich entdeckt. Hier herunter kam er, wenn er im Gewühl der tagtäglichen Arbeit einige Minuten der Ruhe brauchte. Wenn er darüber nachdenken mußte, was er in den Augen seiner Patienten gesehen hatte. Einmal mußten sie ihn sogar aus dem Keller zur wöchentlichen Besprechung mit dem Chefarzt rufen. Er hatte das Gefühl für die Zeit verloren und den Termin vergesen. Der Chef hatte unentzifferbar gegrinst.

In einem der kleinen Verschläge stapelten sich Bände alter Zeitschriften und Bücher. Dr. Hüff breitete ein Dutzend davon nebeneinander auf dem Boden aus und legte sich darauf. Komfortabel war seine Lage nicht, aber er sah keine andere Möglichkeit, zu ein paar Stunden Schlaf zu kommen, ohne sich eine galoppierende Lungenentzündung zu holen.

Aus:

Kurt Lanthaler: Weißwein und Aspirin. Seite 34.

[Kurzrezenison]

Die größten Abenteuer spielen sich nach landläufiger Meinung ja im Kopf ab, und wenn mit dem Kopf etwas nicht in Ordnung ist, dann wird das Abenteuer nahezu überdimensional scharf und schräg.

Kurt Lanthaler hat für die Sammlung "Weißwein und Aspirin" dreizehn mittellange Short Stories zusammengestellt, die eines gemeinsam haben: alle Helden haben etwas mit dem Kopf. Aber anders als im Herkunftsland des Autors, wo die alpinen Bewohner ständig föhnbedingt Kopfweh haben, geht es hier ganz anders zu Sache, es geht dem Kopf mehr oder weniger an den Kragen.

Schon in der Einleitungsgeschichte wird alles Übel im Kopf geheilt, indem der Chirurg seinem Patienten ein Haar aus dem Hirn entfernt, nicht ohne es ordentlich abzuschlecken und in der Folge ein Abschleck-Trauma auszulösen.

An anderer Stelle experimentiert ein durchgeknallter Physiker mit Elektroschocks, großes Vorbild ist ihm dabei die Schweineschlachtung, wo man den Tieren den Todesschmerz angeblich elegant erspart, indem man sie elektrisch niederstreckt.

Ein anderer Kopfspezialist leidet unter Marien-Erscheinungen, die sich nicht operieren lassen, denn der religiöse Wahn schwebt über allen Skalpellen.

Beinahe über-bodenständig traumatisiert ist ein Südtiroler Pendler. Er fürchtet sich vor der Festung Franzensfeste dermaßen, daß er an manchen Tagen den Pendlerzug vorzeitig verlassen muß, um ja nicht per Bahn durch diese gespenstische Festung fahren zu müssen.

Kurt Lanthalers Figuren haben alle einen "Schuß", wie das der Volksmund nennt. Einerseits lösen diese Schicksale Bedauern und Mitgefühl aus, anderseits erzeugen sie etwas von einem Schrecken Marke Jorge Luis Borges. Von Geschichte zu Geschichte wird das Ungewöhnliche selbstverständlicher, bis man als Leser selbst in Wahnsinnskategorien denkt.

Ein Teil der Geschichten ist unter dem Titel "Heiße Hunde" 1997 erschienen. In der neu zusammen gestellten und mit frischen Stories angereicherten Taschenbuchausgabe erweisen sich die "Hirnrissigen Geschichten" als zeitlos makaberes und unterhaltsames Ereignis für den Lese-Kopf.

Kurt Lanthaler: Weißwein und Aspirin. Hirnrissige Geschichten.

Zürich: Diogenes 2002. (=detebe 23318). 150 Seiten. 7,90.

ISBN 3-257-23318-3

Kurt Lanthaler, geb. 1960 in Bozen, lebt in Berlin.

Helmuth Schönauer 12/06/02