BT-35

Bibliotheksstellen im Text

[sehr eso- und terisch]

[...] aber eigentlich wollte ich gar nicht socken kaufen. eigentlich wollte ich gar nicht einkaufen. bedrückt schlich ich hinaus. ich ging in eine bibliothek. die bibliothek war gefüllt mit dunkel- und hellbraunen regalen aus holz. heimatroman, kriminalgeschichten, klassiker, fremdsprachen, kinderbücher, wissenschaft, esoterik, religion, medizin, las ich die aufschriften. ich entschied mich für die abteilung klassiker. dicke wälzer aus allen jahrhunderten verstaubten in den regalen. schiller, goethe, grillparzer, kleist. shakespeare, tolstoi, brecht. ich entschied mich für esoterik. keine staubschichten. werden Sie glücklich, hieß es hier. loskommen von der angst, befreiung zum wahren ich. ich gehe den weg der sonnenblume. ratgeber für ein erfülltes leben. selbstfinder-lexikon. ich nahm das lexikon in die hand. person, personifikation, persönlichkeit. ich suchte unter stichwort: ich. gab es. drei seiten. ich suchte unter stichwort: du. gab es nicht. es gab auch nicht engel, nicht liebe, nicht lust. engel, sagte ich, du stehst nicht im lexikon. engel wollte nicht zur religionsabteilung, auch nicht zur wissenschaft. ich blieb bei heimatroman. trivialliteratur. ich nahm ein buch. wenn die fliedersträuche blühen, und setzte mich auf einen hocker. ich erwischte eine kussszene. so erregend wie thunfische, sagte engel hinter mir. und verschwand kichernd in der kriminalabteilung. diese luftleichten wesen. wir gingen ins café. [...]

Aus Bernadette Schiefer, Reise mit Engel Nirgendwohin. Seite 43-44.

 

[Kurzrezension]

Günther Nennig hat jüngst in seinem Buch alle Engel zu Schutzengeln erklärt, Raoul Schrott hat die Engel als die großen Liebesvermittler dargestellt, und bei Bernadette Schiffer dient für die Heldin Elen ohne H ein persönlicher Engel als Guide ins Erwachsenwerden.

Elen ist von allen beschützenden Lebensgeistern verlassen worden, sie beschließt, erwachsen zu werden und aus dem kleinen Ort in der Nähe Wiens auszubrechen, kommt aber mit ihrem Engel nur bis Graz. Der Engel ist in erster Linie Gesprächspartner für den inneren Monolog, in unzähligen Selftalkes analysiert Elen ihr Leben, doch der Engel ist höchstens etwas wie ein gespräch-reziproker Hund, er verschweigt sich auf immer intellektuellere Weise, je mehr er angesprochen wird.

In der Folge bummelt Elen durch Graz, durch eine WG der Marke frühes Seniorenheim, sie legt sich den Liebhaber Simon zu und glaubt, in der Bibliothek entscheidende Hinweise für ihr Leben zu finden. Doch das Erwachsenenleben ist unbarmherzig, so daß Elen sogar eine Stelle annehmen muß. Was liegt näher, als zu kellnern, wenn auch nur für ein paar Tage. Nirgendwo ist offensichtlich die Arbeitswelt so hart wie in dieser zur Sinnlosigkeit verdichteten Kellnerwelt, und wie ein Alptraum biegt die Heldin diese Stunden herunter, sie wird in Minutenschnelle erwachsen, reif und satt.

Da macht sie sich auf die Suche nach ihrer verschollenen Mutter, findet sie doch glatt in einem Supermarkt, und ihr Engel zieht sich daraufhin zurück.

C est la vie, heißt der kaltschnäuzige Kommentar, und das ist es dann auch.

Bernadette Schiefer erzählt in einem unschuldigen Arrangement Marke Schelmenroman von einer Heldin, die sich mit den vorgegebenen Illusionshilfen zur Illusionslosigkeit führen läßt. Engel ist dabei ein persönlicher Liebhaber, ein stiller Guide für die Welt der Wirtschaft und das Spiel der Erwachsenen, letztlich ist er auch eine moralische Instanz, die sich moralisch wohltuend verschweigt. Und erzählt ist das alles salopp, frech und irgendwie unbelastet von der Schwerkraft der eigenen Sätze.

Bernadette Schiefer: Reise mit Engel Nirgendwohin. Erzählung.

Innsbruck: Skarabaeus 2002. 123 Seiten. 14,00.

ISBN 3-7066-2254-8

Bernadette Schiefer, geb. 1979, wohnt in Wien.,

Helmuth Schönauer 12/05/02