BT-32

Büchereistellen im Text

[Kleine Kammer als Refugium]

Welch seltsame Frage: Ich sah ihn ja und wusste mit einem Male mehr von ihm als je zuvor. Als er gegangen war, zog ich mich in meine kleine Kammer zurück, in der alle meine Bücher stehen, setzte mich auf den bequemen Fauteuil und dachte nach. Die Zeit war wie Honig, süß und duftend, leicht und schwer.

Aus:

Erich Ledersberger, Schnitzel mit Beilage. S.120

 

 

[Kurzrezension]

Ein Wiener in Tirol, das ist geradezu die klassische Ausgangsbasis für gutes Satirengulasch. Erich Ledersberger ist gebürtiger Wiener und hat sich den offenen Blick für Skurrilitäten beibehalten, obwohl er schon einige Zeit in Tirol lebt. Sein Satirenbuch ist klassisch aufgebaut, unter Schnitzel gibt es die panierte Kost von aberwitzigen Kurzessays, und unter Beilagen fungieren literarische Scheiben, wie beim Erdäpfelsalat gut aufgeschnipselt.

Gerade die verrückten Zubereitungen von Speisen sind bereits die erste Einstiegsluke für die Satiren, und der feine Unterschied von "lupfen" und "heben" führt gleich mitten ins Tiroler Geschehen, das seinen Höhepunkt findet in einer der schönsten Föhngeschichten, die das Land jemals zu Gesicht bekommen hat.

Hinter dem augenscheinlichen Klecks, der über Tirol hängt, kommen in Erich Ledersbergers Geschichten bald jedoch jene alltagstypischen Verworfenheiten zum Vorschein, unter denen wir alle leiden, und die wir auch mit Schmunzeln nur schwer abschütteln können.

So ist der PC eigentlich nur dazu da, um alles kompliziert und chaotisch zu gestalten. Von der Bedienungsanleitung über das Handbuch der Installation bis letztlich zu falschen Kabelbuchsen ist alles so konstruiert, daß der User schon am Beginn seiner persönlichen PC-Ära so viel Zeit verliert, daß er sie auch mit dem schnellsten Rechner nie mehr in einem irdischen Leben einholen kann.

Absichtliche und unabsichtliche Rollentauschereien, leichte Hänger im Programm eines Alleinerziehers und saftige Analysen zu wild gewordenen Bischöfen und anderen Würdenträgern pflastern den satirischen Erzählweg.

Als Journalist nimmt der Autor den Leser immer lebensoffensiv bei der Hand, führt ihn aus dem Magazin hinaus und macht ein Picknick in der Literatur. Deshalb sind die Texte Erich Ledersbergers trotz ihrer Kritik und Schärfe immer auch mit einem Haltegriff ausgestattet, daß man sich beim Lesen nicht selbst schneidet, wohl aber den Genuß eines scharfen Messers zu Gespür bekommt.

Erich Ledersberger: Schnitzel mit Beilage. Satiren. Innsbruck: www.kakanien.com 2002. 163 Seiten. 12,-. ISBN 3-8311-2139-7

Erich Ledersberger, geb. 1951 in Wien, lebt in Igls.

Helmuth Schönauer 03/04/02