Über das Essen

Nichts verhält sich so im rechten Winkel wie die Literatur zum Essen. Denn durch die Verknüpfung von Geschmackssinn und Schreibsinn kommt es nahezu an jeder Satzkreuzung zur entscheidenden Frage: Wer hat Vorrang?

Andreas Bernard rollt das Leben an den sinnlichsten Kontaktpunkten auf, nämlich beim Essen. Die Verzehrorte sind wie Verkehrsknoten dazu da, der Empfindung eine neue Richtung zu geben.

Es beginnt ganz trivial mit der Butter, die während der Kindheit ständig aus Broten tropft. Der heranwachsende Jungsportler muß sich bei Kampfeinsätzen immer wieder mit Wurstbroten herumschlagen, die Butter als Schmiermittel mitlaufen haben. Doch eines Tages taucht ein Stück Butter auf ohne diese ordinären Brote, der Geschmack ist so hervorragend, daß man gar nicht glaubt, es könne sich um Butter handeln, erst jetzt ist für die feinnervige Geschmacksseele alles in Butter.

Die Eltern des Erzählers definieren sich ein Leben lang über ihre Kaffeetassen, der Zuckerklecks am Schluß gehört dem Vater, die Milchrinde der Mutter.

Zwischen Beobachtungen über die Elastizität der Zunge, dem Tee-Geheimnis, Büffet, frische Tomaten und Majoran sind als Stabilisatoren sogenannte Orte eingebaut.

Da wird räsoniert, daß der Speisewagen heutzutage nur mehr den Namen von einem Speisewagen hat, ein Coffee Shop in Manhatten zeigt, wo es wahrscheinlich in Zukunft mit der Eßkultur lang gehen wird, das Eiskonfekt im Kino entwickelt sich zu einem Sekundärfilm und eine Metzgerei in München ist das geheime Wahrzeichen der Stadt.

Als Höhepunkt und Abschluß führt sich standesgemäß ein Kühlschrank eiskalt geordnet selbst vor.

Die neunzehn Texte sind einerseits fiktional ausgebaut wie short-stories, anderseits haben sie ihren Schwerpunkt durchaus in der Nonfiction, etwa im Sinne eines gastrosophischen Führers. "Gute Küche heißt Erinnerung" wird Georges Simenon als Erzählmotto zitiert.

Essen tut jeder einmal, heißt es im Volksmund, daher berichten diese Erzählungen auch vom wichtigsten Teil unseres Lebens. Und das auf eine ungewöhnliche, ironisch genaue Art.

Andreas Bernard: Über das Essen.

Salzburg: Jung und Jung 2002. 84 Seiten. 13,80.

ISBN 3-902144-44-0

Andreas Bernard, geb. 1969 in München, lebt in München.

Helmuth Schönauer 25/07/02