Weggelebte Zeit

Wörter mit "Weg" sind immer doppeldeutig, einmal geht es um das Wegräumen oder Entfernen, andererseits steht immer auch der Weg selbst im Mittelpunkt des Wortfeldes. Der Weg ist ein Schlüsselbegriff in der Lyrik Hans Augustins, schon 1990 hat er seinen Gedichtband "Die Anhänglichkeit des Reisenden an den Weg" genannt. Und die "weggelebte Zeit" ist ein Zustand, wo auf dem Weg gelebt wird, während sie sich quasi vom Leben entfernt. Die Gedichtsammlung ist nach dem Muster der Chronologie geordnet, die einzelnen Jahrgänge 1995 bis 200 bekommen dabei jeweils ein sattes Motto, das für sich schon wieder eine Inschrift ist, schwer in die Zeit gemeißelt. - "Wem das Atmen genügt, erstickt." - "Und kämen wir auf uns zu, wohin würden wir flüchten." - "Manchmal wäre im Auge noch Platz für eine zweite Welt." - "Wir müssen mit allem rechnen, nur nicht mit der Vernunft." - "Die Phantasie geht niemals ins Exil." - "Man verliert über die Ewigkeit leicht den Überblick." Zwischen dem Ablauf der Zeit und den jeweils neu ausgegebenen Parolen entwickeln sich die Gedichte, manche kommen nur kurz auf und werden dann gleich in niedrigem Wuchs gehalten, andere sind Scharnieren vergleichbar, an denen die Zeit umgelenkt werden kann, und eine dritte Gruppe dokumentiert mehr oder weniger ohne einen sichtbaren Eingriff den lyrischen Ablauf der Tage. "...die Gebeine des Heiligen / liegen so wie er sie / zurückgelassen hat" (57), "... der Himmel ist nervös / und der Schnee / müde vom Liegen." (69) Lang anhaltende Zustände werden plötzlich wach geküßt aber dann doch wieder dem Schicksal und dem passiven Liegen überantwortet. Gerade weil eine andere Zeitwährung eingeführt ist, funktionieren so Event gebundene Erlebnisse wie Konsum und sinnloser Verzehr nicht mehr, in den Gedichten ist eine feine Kritik eingewoben, die ohne Belehrung auf die Sinn-Löcher hinweist, die jeder mit sich herumträgt, wenn er nicht aufpaßt.

Hans Augustin: Weggelebte Zeit. Gedichte. Innsbruck: Skarabaeus 2001. 152 Seiten. 220,- ATS. 16,00. ISBN 3-7066-2245-9

Hans Augustin, geb. 1949, lebt In Thaur in Tirol.

Helmuth Schönauer 12/12/01